BEWERTEN
Du hast bereits abgestimmt!
 
»Nice«
[Steamhammer / SPV / VÖ: 27.08.2001 ]
Text:
Ulf Imwiehe,
Ulf Imwiehe
It’s Rollins again, you little bitches! Aber wie herangehen an das neueste Album des Mannes, der so vorzüglich den verbalen Hard-Punch anzusetzen weiß, jedoch bei kritischeren Fragen wie der des Kollegen Stoppenhagen im Videointerview auf intro.de nach der, sagen wir mal: bestenfalls homöopathischen Weiterentwicklung, zur wütenden Testosteron-Mimose wird?
Polemisch kann man das tun mit dem Urteil: ‚same shit, different title‘. Um somit den Vorwurf aufzugreifen, Henry Rollins produziere seit Jahren nichts wirklich Neues mehr und habe zumindest musikalisch kaum noch etwas zu sagen?
Ja und nein. Klar ist: Rollins relauncht sich auch mit dieser Veröffentlichung nicht von Grund auf.
Seine Gesangsmelodien entsprechen seinem eingeschränktem Organ, das wie üblich mehr wütet, erzählt und manchmal schreit, als dass er wirklich singt – soweit ist alles beim alten. Gewandelt hat sich jedoch – marginal, aber durchaus spürbar - das Interface der angepissten Botschaften, die Musik oder besser, die Arrangements und somit die Atmosphäre.
Selten zuvor hat man einen derart unbeschwert rockenden Rollins erlebt, dem nicht nur die gewohnte Intensität und Hingabe, sondern auch der Spaß an der Straightness anzuhören ist. Ein Wesenszug dieses manchmal so mürrischen Grantlers, der auf seinen früheren Veröffentlichungen oft zwischen Düsternis und vor Zorn angeschwollenen Refrains verloren ging. “Nice” ist wie sein Vorgänger “Get Some Go Again” zum ganz wesentlichen Teil ein Album von Rollins‘ Backing Band Mother Superior, die hier zum zweiten Mal so easy zu Werke geht, dass man das Gefühl hat, einer brachialen Version der ganz jungen Van Halen minus Gitarren-Show-offs plus funky Parts beizuwohnen. Tatsächlich gibt Rollins überzeugend das Wrecking-Crew-Äquivalent eines David Lee Roth, der ja in seinen besten Tagen ebenfalls weniger ein Sänger als vor allem Performer und Entertainer war. Was natürlich trotz dieser Referenz nicht bedeutet, dass es hier um so etwas Profanes wie Fun um seiner selbst Willen geht. Wir reden hier schließlich über den Mann, der Schmerz als seinen Hauptantrieb bezeichnet und schätzt. Dennoch hat es durchaus etwas Beschwingtes, wenn Rollins auf “Up For It” zu souligen Back-Up-Vocals raunzt, oder sich wie ein Stand-up-Godzilla in den teils an Jane’s Addiction erinnernden Groove von “Your Number Is One” wühlt. Genau dies ist, glaube ich, der Punkt, an dem Henry Rollins 2001 zu fassen ist: Er ist im Grunde ein Komödiant. Wer seine Arbeit verfolgt, kann sie erkennen, diese Offenlegung der humoristischen Ader, die sich früher als ätzender Zynismus artikulierte und heute, vor allem während seiner Spoken Word Auftritte, für tränende Augen sorgt. Und seien wir doch mal ehrlich: Ob als Musiker, Schriftsteller oder Schauspieler - Rollins ist niemals ein anderer als er selbst, spricht seit jeher von niemandem als nur von sich. Was ihn naturgemäß limitiert und zur Neuerfindung oder auch nur grundlegenden Veränderung eine weitgehende Umstrukturierung seiner Persönlichkeit erfordern würde. Aber kann das irgend jemand ernsthaft wollen?
Denn ob man ihn verehrt, verabscheut oder einfach nur peinlich findet, unberührt lässt er wohl niemanden auch und gerade wegen seines mitunter etwas schwierigen Charakters, der seine Kunst bis in die winzigsten Partikel ausfüllt.
Alles in allem liegt mit “Nice” eine Platte vor, deren Energie und partielle Ausgelassenheit Zeugnis ablegt von dem stimulierenden Einfluss, denn die Arbeit mit einer neuen Band auf Rollins hat. Power satt, alle Trademarks und die, wie gesagt, zwar zaghafte, aber unleugbare Weiterverfolgung des auf “ Get Some Go Again ” eingeschlagenen Weges in Richtung Reduktion von Verbissenheit zugunsten des Groove. Es darf also durchaus ungeduldig mit den Füßen gescharrt werden, angesichts der für September/Oktober geplanten Tour. Live ist er ja auch immer wieder ein Erlebnis der gute Henry, gerade auch wenn er mal nicht so gut gelaunt ist.
Artikel kommentieren
Diese User besitzen die Platte
-

The_Ig