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»Schafott zum Fahrstuhl«
[Buback Tonträger / Indigo / VÖ: 10.09.2001 ]
Text:
Marcus Maida,
Marcus Maida
Wie oft willst du dich eigentlich noch neuerfinden, bis du herausfindest, aus welchen Teilen und Erfahrungen du bestehst? Und diesen Fundus an Erfahrungen, das Archiv deiner Aktivitäten und Erinnerungen, zigtausendmal durchblättern, samplen, remixen, neueditieren - solltest du das nicht einfach mal registrieren, akzeptieren, ignorieren - und dann loslegen? Die Goldenen Zitronen sind mittlerweile - jetzt kommt der Ausdruck des Tages - in einem Alter, in dem sie sich nicht ständig konzeptuelle Neuüberlegungen auferlegen und antun müssen, um zu beweisen, wie \"zeitgemäß\" und \"forward\" sie sind. Vielmehr zeigt sich in Zusammensetzung und Arbeitsweise dieser Band mittlerweile eine funktionierende wie überraschende Mischung aus gewohnt hellwacher Aufmerksamkeit und einem durch diverse kulturpolitische Vorgänge geschultem Gespür für gewisse gesellschaftliche Zusammenhänge, zudem eine notwendige Gelassenheit im Umgang mit medialen Hyper-Realitäten und den flauschigweichen Versprechungen des kulturellen wie politischen Polystilismus.
Das kann schon mal zu bewussten Verlangsamungen und bisweilen stursinnig anmutenden, da notwendigen Umdefinitionen von subkulturellen Konsensen führen. Dafür basteln sich die Goldies dann ihren Konsensemann und schicken ihn in Abständen auf uns los. Eine neue Platte der Goldenen Zitronen ist nach wie vor: ein Ereignis, ein Statement, eine Freude und ein selten komischer Spaß. Nach Paraphrasierungen von Free Jazz und 80er-Elektronik bei den letzten Alben ist \"Schafott zum Fahrstuhl\" nun vielleicht das Zitronenalbum mit der bislang gelassensten Offenheit, sowohl im musikalischen Kommenlassen alter Bezüge wie Glamrock und einfachen Songstrukturen, die dann in enervierender Kleinarbeit (u.a. in Rumänien) natürlich wieder kollektiv lärmig und monoton-elektronisch dekonstruiert wurden - was mitunter sehr Gang Of Four, Vipers oder, logen, Abwärts-mäßig klingt - als auch in der abermaligen und noch intensiveren Bejahung des offenen Bandgefüges, das über die Jahre noch disparater geworden ist - es kracht munter im Gebälk, und aus diesen Geräuschen entsteht eben diese Musik. Mense Reents ist seit Ende 2000 neu dabei, Hans Platzgumer macht derzeit erst mal Zitronenpause und shuffelt an neuen Projekten rum, und Stefan Rath, Energiedrummer auch von Les Robbespierres und bei Lado in der Subkulturindustrie tätig, teilt sich mit Enno Palucca die Dashtrommeln. \"Die Idee war diesmal, die Band wirklich offenzuhalten\", so Ted Gaier. Verständlich bei einer Band, die seit 17 Jahren besteht und bei der schon derart viele Leute kamen und gingen, ins Privatleben, zu anderen Musiken, oder die via Buback-Label jetzt noch mit der Band verbunden sind. Die Themenpalette führt beispielsweise die Deutschlandberichterstattung weiter (\"Flimmern\" - wo die Nazis in Deutschland gelassen werden wie der Dom in Kölle), juxt eine kleine elektronische Brecht-mäßige-Parabel über Kollektiv und Solidarität (\"Die Axt\") unter oder ergibt ein Spottlied über die Dot.Economisten (\"Die Rückkehr des Tempomaten\"), reflektiert aber auch die eigene Eingebundenheit in den falschen Verhältnissen. Der musikalische Gestus oszilliert zum ersten Mal zwischen wirklicher Düsternis und tiefer Melancholie und dem gewohnt genial-impulsiv durchdachten Rappelkistenkindergeplärre von Schorsch Kamerun. Gäste sind Jens \"Dackelblut\" Rachhut, Peaches, Melissa Logan und ihre Schwestern, und FSK wird auch noch gleich gecovert. Es geht darum, Verbindungslinien aufzuzeigen und vielleicht, was Struktur, Musik und Gestus betrifft, auch ein Gegenmodell zu Blumfeld darzustellen. Die absolut herausragende Platte offenbart die selbstverständliche Energie und Klasse einer Band, die nach wie vor zu den besten dieses Landes gehört.
Hans Platzgumers Projekt \"Shinto\" dagegen konzentriert sich auf einen Einzelfall gesellschaftlicher Deformation: zusammen mit Sänger und Texter Ca Mi Tokujiro behandelt er den Fall eines 14-jährigen Jungen, der 1997 im japanischen Kobe einen jüngeren Schüler grausam ermordete und sein eigenes (Computer-)Spiel mit Medien und Polizei trieb. Die zwischen Virtualität und Realität pendelnde Handlung, von Peter Veit auf deutsch kommentiert, gewinnt durch Tokujiros heiseren Gesang, der sowohl Popkonnotationen wie traditionelle buddhistische Gesangsformen einsetzt, an eigenwilliger Schärfe, die elektronischen Klangkörper Platzgumers hingegen rasen oder schleichen dazu wie offene Rasiermesser durch die Gehörgänge. Doch kein trashiges \"Pulp\"-Hörspiel offenbart sich hier, sondern eine bewegende akustisch-semantische Studie über die Dialektik von Kultur und Gewalt, die das Potential hat, tiefere Zusammenhänge aufzeigen zu können.
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The_Ig