BEWERTEN
 

Thomas D

»Lektionen In Demut«

[Four / Epic / VÖ: 07.05.2001 ]

Text: Uwe Buschmann, Uwe Buschmann

Das zweite Solo-Album von Thomas D wird die Zyniker der deutschen HipHop-Szene auf den Plan rufen. Garantiert. Zu weit hat er sich in Sachen Beat-Taktiken wie Reim-Thematik von der Straßen-Basis entfernt, als dass der durchschnittliche Kappenträger diese Reise durch düstere Soundtrackwelten, Endzeitstimmung und soziale Bewusstseinsströme noch mitantreten würde. Allein das Wort „Demut“ im Albumtitel wird die meisten B-Boys eher zu einem ungläubigen Kopfschütteln als zu heftigem Kopfnicken veranlassen. Wo schon ein Begriff wie „Respekt“ selbst in der heimischen HipHop-Szene meist nur noch innerhalb regionaler Zusammenhänge in Gebrauch ist, müssen die meisten Großmaulhelden für Demut bestimmt erst mal ein Lexikon ausleihen, um zu checken, was damit überhaupt gemeint ist.

Wo schon die Frage „Gibt es ein Leben nach HipHop?“ auf taube Ohren stößt, ist eine ernst zu nehmende Gedankenbasis für die Frage, ob die ökologischen und ökonomischen Zustände dieser Erde uns dem völligen Werteverlust und Weltuntergang entgegentreiben, meist überhaupt nicht vorhanden. Aber egal, was man über Fanta 4 und Thomas D bisher auch dachte, eins kann niemand dem Album „Lektionen In Demut“ absprechen: den Wagemut eines Künstlers, sein Innerstes in gekonnter Reimform nach außen zu kehren. Natürlich findet das aus der schon lange gesicherten Position eines gut verdienenden Pop-Stars statt, aber wie viele andere Chart-Abziehbilder liefern trotzdem nur immer wieder zielgruppenorientierten 08/15-Einheitsbrei ab, aus Angst, Image-Einbußen zu erleiden. Allein deshalb gehört jemandem wie Thomas D eine Menge Respekt gezollt. Daher habe ich mir vorgenommen, eine derart persönlich gelagerte Platte nicht mit der nur aktualisierten Auffächerung der üblichen Themen im HipHop-Feld zu begegnen, denn das könnte nur im Desaster enden. Allein, wenn man nur die Musik betrachtet, die hier eingespielt wurde, wären die Grenzen des Duldbaren schnell überschritten. Aber auch ein Begriff wie Gothic-HipHop zielt daran meilenweit vorbei. Es ist ein Soundtrack, der hier entworfen wird, der sich an Endzeitfilmen wie „Blade Runner“ orientiert, der klangtechnisch, je länger die Platte geht, etwas aufhellt. Es ist die maßvertonte Musik zu einer Art Reimhörspiel, das von den ältesten Geschichten dieser Welt erzählt: von Glaube, Liebe, Schmerz und wieviel Hoffnungsschimmer in der totalen Hoffnungslosigkeit doch noch durchschimmern kann. Die Hauptfigur des Reflektor Falken: als eine Art Parsifal 2001 ein Suchender, ein entertainender Narr, ein unbeteiligter Reflektor aller Dinge, dem im Verlauf der Geschichte aber erst noch die Augen geöffnet werden müssen. Das Ganze läuft somit geradezu zwangsläufig auf den Song „Gebet An Den Planeten“, einen Appell an die Menschheit für einen humaneren Umgang mit Tier, Umwelt und sich selbst, hinaus. Das wird natürlich bei selbsternannten Schreibtisch-Terroristen, bewaffnet mit spitzer Zunge, Handy und der Lizenz zum Besserwissertum, höchstens als eine Art ökonomischer Gottesdienst im HipHop-Gewand wahrgenommen werden. Und sollte dieses Stück tatsächlich als nächste Single ausgekoppelt werden, bin ich mal gespannt, wie lange es dauert, bis die ersten Ober-Coolen über Thomas Ds „Rap zum Sonntag“ ablästern werden. Doch Respekt und eine faire Chance sind das Mindeste, was diese Platte verdient hat. Gerade, weil sie nicht den bequemen Weg des Radical-Chics geht.



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