BEWERTEN
 

The Divine Comedy

»Regeneration«

[Parlophone / EMI / VÖ: 23.03.2001 ]

Text: Stephan Ossenkopp, Stephan Ossenkopp

Divine Comedys Sänger und Songwriter Neil Hannon schrieb im März 2000 eine wunderbare Einleitung zur Neuauflage der Scott-Walker-Compilation “Boy Child: 67-70”. Darin sinniert er darüber, dass er ohne Scott ja nie seinen persönlichen Stil, seine Perspektive und seinen anschließenden Erfolg gefunden hätte. Hannons selbstironische Konsequenz: ohne Scott Walker hätte er sich gar nicht die teure Anlage kaufen können, auf der er dessen Platten nun durchhört, um sich für das erwähnte Vorwort nochmals inspirieren zu lassen. Genialer Teufelskreis zweier genialer Teufel. Wenn Neil Hannon die Musik und Stimme von Scott Walker “so damn sexy” findet, dann trifft das gewiss auch auf The Divine Comedy selbst zu.

Ich kenne so einige Damen, die beim Anhören seiner weichen und trotzdem so voluminösen Stimme zuckerwattige Seufzer von sich geben. Röcke und Mähnen wirbeln immer etwas wilder herum, wenn “Becoming More Like Alfie” vom 1996er-Album “Casanova” durch die Britpop-Club-Boxen swingt, und bei “Everybody Knows That I Love You” vom “Short Album About Love” (1997) kriege auch ich immer noch Hitzewallungen angesichts der mit dem 30köpfigen Bunuel Ensemble eingespielten Streicherpassagen. Nach fünf Alben kam 1999 sogar ein “Best Of”-Album heraus, das in nur drei Wochen Gold einheimste. Kurz in Erinnerung gerufen seien auch noch die Zusammenarbeit mit Tom Jones auf dem “Reload”-Album und der herrliche Track “The Dead Only Quickly” auf dem zweiten Album von Stephin Merritts Projekt The 6ths mit dem zungenbrecherischen Titel “Hyacinths And Thistles”. Das “Best Of” als Nummer sechs gezählt, flattert jetzt das verflixte siebte Album von The Divine Comedy ins Haus - nicht mehr auf Setanta Records, sondern auf Emis Parlophone-Label - und signalisiert einen leichten Rutsch auf ein anderes Plateau.
Hannon und seinen Konsorten war es offenbar wichtig, an einem Punkt weiterzumachen, an dem man neue Partner findet, die ernst zu nehmende und dauerhafte Begleiter sein wollen für die weitere Entwicklung der Band. Produzent Nigel Godrich (Radiohead, Travis) gehört in diese Kategorie. Das merkt man dem Klang der Platte an. Die oft unbekümmerte Leichtfüßigkeit ehemaliger Songs ist ein wenig zur Seite getreten und hat einem geerdeten Klangbild Platz gemacht, das zwar immer noch Sentimentalität, aber in einer dezenteren, selbstbewussteren Form, zur Grundlage hat. Hey, nicht verwechseln mit Resignation! Aus Hannons Stimme quillt die Erkenntnis, dass sich die Popwelt verändert (hat), dass man darauf persönliche Antworten und Lösungen finden muss, damit man wiederum neue Fragen aufwerfen kann. Wer sich diesem Kreislauf entzieht, riskiert Gesichtslosigkeit. Ein Vorwurf, der hier natürlich nicht trifft. Gitarren, Chöre, Streicher, Bläser, Rhythmus-Sektion und darin eingebettet Neil Hannons Ausnahmestimme mit dem Gänsehaut-Vibrato, sie alle zeichnen ein Bild von einem vernieselten Ort, an dem junge Menschen mal die Lider schließen und sich Gedanken machen über ihr Leben. Sinnkrise? Wer irgendwie nur in den Tag hineinlebt und wen ein Statusreport seiner selbst nicht interessiert, der will auch diese Platte vielleicht nicht hören. Wer aber glaubt, der Mensch lebe und reife davon, dass er sich als beseeltes und willensbestimmtes Wesen sieht, der findet in dieser Platte ein ebenbürtiges Gegenüber. Ein solcher Mensch wird “Regeneration” von The Divine Comedy als Augen-öffnend erfahren, so wie einst Neil Hannon von Scott Walker die Augen geöffnet bekam.



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