BEWERTEN
 

Saul Williams

»Amethyst Rock Star«

[American Recordings / Columbia / VÖ: 26.02.2001 ]

Text: Autor unbekannt
[6 Kommentare]

Kulturkritiker, wenn du wirklich Zeit finden willst, ein Album wie dieses angemessen zu würdigen, dann trete nie eine Festanstellung an: die Zeit reicht nicht mehr - oder du überdehnst das Raum-Zeit-Gefüge. Aber wahrscheinlich ist genau dies in jedem Fall die aus diesem Werk abzuleitende Handlungsanweisung: es gilt, mehr Platz einzufordern, individuell und für sich, aber auch als Kollektiv. Williams lässt nichts anbrennen: die Luft brennt, die Worte diktieren den Beat, denn: zu lange haben die falschen Beats, zuerst die der die Sklaven antreibenden Tempomacher, später/heute die von Pistolenkugeln, den Alltag der Niggas angeleitet. Williams fordert sie auf, auf den Herzschlag zu hören.

Überrascht? Kann man sein, auch ich hätte angesichts des Gestus’, mit dem er seine Wortsalven vorträgt, zumindest Verständnis für die Radikalität von Dead Prez et al. erwartet. Doch wenn die Aufmerksamkeit einfordernden Einleitungsworte (“Nigga you betta drink half a gallon of shaolin before you pluck the strings of my violin”) verklungen sind, sich Williams mit den beiden ersten Songs ausgetobt hat, der musikalische Frontalangriff nachgelassen hat und der Rock-HipHop den Raum für smoothere Töne freigegeben hat, dann findet auch der Hörer die Luft, um genau zuzuhören - oder das Nichtverstandene im Booklet nachzulesen (ist hier Pflicht). Williams liefert, ohne Atempause vorgetragen, ein Bild der Welt as seen mit den Augen eines Spoken-Word-Performers, Schriftstellers, ... um es kurz zu machen, Denkers: ein Gebräu aus reality, science fiction, Psychoterror und Mythen. Wobei ihn die reality jederzeit im Griff hat und rational-erdisch bleiben lässt. Nicht die Flucht auf einen anderen Planeten, das Exil als verlockende Lösung, sondern der genauso alte wie unlockere sozialpädagogische Ansatz “Veränderungen sind möglich, wenn wir es nur alle wollen” ist sein Mantra - und friedlich soll es zugehen, obwohl er genauso wie wir weiß, dass die sozialpädagogische Illusion am kleinen Wort “wir” scheitert. Klar, “WIR-wir” wollen, aber “DIE-wir” ja wohl ganz sicher nicht. Und sie werden dank new economy stündlich mehr. Einziger Hoffnungsschimmer: in letzter Zeit auch wieder weniger, dank Börsencrash galore - wobei jene Spezies anschließend wohl auf dem Straßenbelag der Wall Street landet und nicht auf dem des 17. Juni.
Wenn sich bei Williams HipHop mit Rock vereinigt, dann kann er auch gleich zum Multikulti-open-minded-Szenario werden. Gib mir Violinen, gib sie mir ohne Pathos, gib sie mir in Form von Teufelsgeigerinnen, die nur eine Funktion haben: das Tempo zu steigern und so die Atemlosigkeit zum Rausch werden zu lassen, den Worten alles zu geben: die volle Aufmerksamkeit, Präsenz, Macht, Herrschaft. Die Violinen sollen Williams all das geben, um nicht zu sagen: ALLES. Nicht nur New York, Los Angeles, Paris. Nicht nur die Aufmerksamkeit einiger Nigger. Verstanden. Er will CNN - und gebt es ihm besser heute als morgen. Ganz ehrlich, so einen friedlichen Revoluzzer bekommt ihr nie wieder. Der wird zwar nie mehr den Mund halten, CNN als Ganzes einfordern, aber so what? Erstens schadet es nicht, und zweitens klingt die Alternative nicht gerade einladend. Oder wollt ihr wirklich warten, bis Dead Prez anklopfen und “Burn Mr. President” anstimmen? Zugegeben, persönlich würde mir das durchaus gefallen. Aber mal zurück zum Miteinander von Rock und HipHop. Bei Williams glücklicherweise meilenweit von dem Rockverständnis anderer HipHopper wie Cypress Hill entfernt. Sein Rock ist kein abscheulicher Crossover-Rock, kein luftleerer Alternativerock, aber auch kein korrekter Indierock. Es ist Hendrix-Rock, nicht wegen der Hautfarbe und ganz sicher nicht wegen der Wucht (da hätten sich andere Formen aus obiger Auflistung eher angeboten), sondern aufgrund der Performance-Tauglichkeit und vor allem, natürlich nur hier und jetzt in diesem Text, der Fahne, die einst brannte und deren Asche im Kopf vieler Afroamerikaner schon längst in alle Himmelsrichtungen verstreut ist.
Dieses Album ist dabei genauso wie Williams’ Bücher ein Manifest der Hoffnung - ein doppeltes Nein: zum Resignieren genauso wie zur Gewalt. Williams reagiert auf die soziale Brisanz, die erfahrene Kälte, mit einer Aufforderung zum Abkühlen - und dies auf erhitzte Weise. Und es ist kein Widerspruch. Man muss Aufmerksamkeit bekommen, um Worte zu plazieren - und das geht nun mal nicht anders als mit brennendem Herzen. Doch die Botschaft ist kühler. Das Cool-Bleiben ist aber nicht mehr dasselbe wie zu Zeiten der Sklaverei, ein Zustand, der durch seine ihm anhaftende Selbstdisziplin als Drohgebaren (“Wartet nur ab, wenn wir Auftauen, dann geht es euch an den Kragen.”) wirkte und nicht als Mäßigung. Heute muss es darum gehen, die bereits erhitzten Gemüter wieder abzukühlen, um andere Ansätze zu verfolgen. Die Quintessenz des Ganzen: es fehlt uns an einem richtigen Kulturverständnis. Und es werden wohl nicht mehr die weißen Mittelstandskids und Subkulturexistenzen sein, die diesen Missstand korrigieren, denn die haben, überspitzt formuliert, ihren Frieden mit den dot.coms dieser Welt und ihrem Bankkonto gemacht. Es scheint, als müssten sich die Niggas selbst helfen - da kann man nur hoffen, dass sie einem Williams folgen und nicht ... Aufgewacht? Ihr? Dann ist es ja gut.



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  • User: BeeDee
  • BeeDee 07.02.2002 | 19:42:10

    Hi all...

    Seems like music was his first love...

    Ben

  • User: babybam
  • babybam 08.02.2002 | 03:36:47

    Bisschen spät, oder?

    a little late, isn't it?

  • User: MothersNewCreature
  • MothersNewCreature 11.02.2002 | 15:34:18

    Ist nicht meine Tasse Wuerstchen:
    An vielen Stellen empfand ich sie einfach als bieder schweinerockig. Ausserdem: Ganz ab vom Inhalt, aber relativ schnell nervt seine Stimme, bei der ernormen Textmenge und den arg begrenzten Variationsmoeglichkeiten

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