BEWERTEN
 

Mute Labelnacht

»Independent Day«

[24.11.2001 - Volksbühne, Berlin]

Text: Autor unbekannt

Das sind noch Konzerte, für die Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt werden müssen, um an eine Eintrittskarte zu kommen - Ratzeputz ausverkauft die Berliner Volksbühne zum Mute Records-Fest. Und es gab eine Menge zu feiern: Denn seit mittlerweile 22 Jahren begleitet das Londoner Mute Records-Label die Entwicklungen im immer noch so called 'Independent'-Bereich und man könnte sich hinreissen lassen zu behaupten, dass sie eines der letzten Plattenlabels einer aussterbenden Spezies sind. So unterschiedliche Bands und Musiker wie Depeche Mode, Erasure, Nick Cave, Moby, Laibach, Diamanda Galas, Pan Sonic oder Add N to (X) haben dort ihr Zuhause. Und Mute-Chef und Gründer Daniel Miller ist es gelungen, Label und Künstler durch bewegte Zeiten zu bringen.

Jetzt auch mit Berliner Büro.
Ob der Zuschauer-Andrang damit zu erklären ist, dass Mitglieder von Depeche Mode (vergeblich) erwartet wurden, oder weil Nick Cave endlich wieder live zu sehen war, oder sich langsam rumgesprochen hatte, wie formidabel die Elektro-Rocker Add N to (X) sich auf der Bühne machen, lässt sich nicht mit Bestimmtheit sagen.
Gleich zu Beginn im großen Saal: Vor der Projektion einer Winterlandschaft bieten Goldfrapp feierlich-melancholische Musik im Cocktailkleid, die nicht verleugnen kann, von Portishead beeinflusst zu sein. Eine Weile später dann der Meister der ökonomisch-ökumenischen Geste: Nick Cave, immer ganz knapp am 'Alter Sack am Klavier'-Klischee vorbei, unterstützt von Thomas Wydler am Schlagzeug und Blixa Bargeld an der Gitarre). Mit einer einzigen Handbewegung gelingt es Nick Cave, unliebsame Unruhestifter im Publikum zum Schweigen zu bringen. Und die Spannung zu halten. Viele hatten ja schon fast vergessen, der Mann hat einige ganz großartige Songs geschrieben ('Your Funeral, My Trial', 'Henry Lee', 'Into My Arms'). Eine halbe Sternstunde. Jedoch muss man auch unwillkürlich daran denken, dass Herr Cave vielleicht die beste Personifizierung dieses ausgemergelten 80er-Jahre-Indie-Glamours ist, der an diesem Abend durch die Volksbühne gespenstert. Während Laibach ihren 'langweilig-schockierenden' Konzertfilm im Grünen Salon zeigen, bitten Add N to (X) dann mit selbstgebastelten Instrumenten das Publikum auf die Bühne um ihre Definition von einem wildgewordenen Elektroniker-Betriebsausflug vor zu stellen. Wer noch zweifelt, ob sich der Independent-Gedanke Mutescher Prägung nicht wirklich langsam mal selbst überlebt hat, wird hier eines Besseren belehrt. Add N to (X) geben voller Spielfreude den Glauben an eine rosige Zukunft von Indiedisco zurück. Am Schluss zertrümmern sie auch noch sehr überzeugend ihr Schlagzeug. Zu später Stunde dann der Berliner Dub-Spezialist Pole und der humorlos verkopfte Kölner Techno-Theorieproll Thomas Brinkmann.
Und wer bis 4.30 Uhr morgens ausgehalten hatte, durfte im Grünen Salon der Vorführung der unzensierten Version des Add N to (X)-Videos 'Plug Me In' beiwohnen ('Wie, und das steckt sie sich jetzt wirklich da rein?'). Eine schöne Konzertnacht gegen die Identitätskrise von Indie.



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aus Intro #81 (Februar 2001)
 
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