Speaking With The Angel (engl. Originalversion)
»Nick Hornby (Hrsg.)«
[Penguin, 210 S., ca. DM 20,-]
Text: Autor unbekannt
Ein Premierminister verschwindet. Durch das winzige Fenster eines Autobahnrastplatz-WCs entzieht er sich seinen Leibwächtern und der Bürde seines Amtes. Ein Stück Freiheit, zwei Minuten Vorsprung, bis die Bodyguards seiner Flucht auf die Spur kommen. Ein kleiner Zeitraum für den Normalbürger, für das ungenannt bleibende Regierungsoberhaupt ungleich mehr. Wie berauscht vom eigenen Adrenalin, treibt der leckgeschlagene prime minister durch den Alltag “seiner” Untertanen, auf den er längst nicht mehr vorbereitet ist. Ein Alltag, in dem Reichtum nichts zählt, solange man nicht ein paar Münzen in der Tasche hat. Wo man sich im Handumdrehen ohne eigenes Verschulden außerhalb des Gesetzes befinden kann, ohne die Wahl zu haben.
Exemplarisch für Blickwinkel und Brennweite der folgenden, inhaltlich, thematisch und stilistisch sehr divergenten Storys ist der Opener von Robert Harris in der von Nick Hornby herausgegebenen Sammlung neuer britischer Kurzgeschichten “Speaking With The Angel”. Das Ding funktioniert wie ein gelungenes Mix-Tape: interessant, vielfältig, unterhaltsam und mit so vielen Lieblingsstücken, dass es einem bald als Ganzes ans Herz wachsen könnte. Deutlich mit Film und TV als Teil des Alltags aufgewachsen, führen u. a. Melissa Bank, Giles Smith und Irvine Welsh uns ihre Mikrokosmen buchstäblich vor Augen. Momentaufnahmen, lange Schwenks, Überblendungen, poetisch abgewickelte B-Film-Prosa, Blicke von der Brücke: von oben hinab, geerdet, respektvoll, kontra-pornografisch. Eine Grundhaltung, die es zum Beispiel Patrick Marber ermöglicht, aus “Peter Shelley” das freudvollste teenage lovemaking in punk rock und andere Substanzen zu entwickeln, seit Iggy Pop 1968 Erdnussbutter durchs Auditorium schmiss.
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