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»Deutschland 2000«
[R/B: Esther Gronenborn; D: Jana Pallaske, Frank Droese, Toni Blume]
Text: Autor unbekannt
Ich erinnere mich gut an die Szene, anlässlich der ich dann wirklich sauer wurde im Kino: Der Junge und das Mädchen verbringen den Nachmittag zusammen, beide sind aneinander interessiert. Sie, weil sie neu in der Gegend ist, niemanden kennt und gerade erst (beinahe) Zeugin eines Totschlags geworden ist, worüber sie mit jemandem reden möchte. Er, weil er der Täter ist und wissen will, ob sie etwas gesehen hat, das ihn belasten könnte. Sie weiß nicht um sein Doppelspiel und erzählt ihm, was sie gesehen hat. Sie setzen sich auf einem eingezäunten Weg nieder, im Rücken eine Bahnlinie und das Plattenbauten-Panorama. Es ist eine besondere Szene, denn bislang rulte im Film gnadenlose Sprachohnmacht, vermittelt mit rüde-restriktivem Berliner Jargon in ausdrucksloser Muffligkeit.
„Jugend ohne Gott“, ihr versteht? Jetzt geht es ums Sich-Mitteilen, de facto ein Sprechen (beinahe) mehr zu sich selbst. Auch das Mädchen sagt nicht die ganze Wahrheit, sie hat den besten Freund des Jungen mit dem blutigen Messer gesehen, will sich aber raushalten. Und ... ausgerechnet ... jetzt ... wird der Kran eingesetzt, damit der Zug, der gerade im Hintergrund vorbeirast, auch gut ins Bild kommt. Und dann senkt sich die Kamera hinter das zweite Gitter, so dass sich die Figuren jetzt in einem Gitterkäfig befinden. „Die Unwirtlichkeit der Städte“, ihr versteht? Und dann wird noch etwas am Objektiv gespielt, damit’s dem Zuschauer nicht langweilig wird, wenn die Figuren sprechen. Und anschließend schwenkt die Kamera fortwährend nach oben und nach unten, nach rechts und nach links. Was jetzt noch vom Spiel der Laiendarsteller übriggeblieben ist, wird vom Cutter im Wortsinne ausgelöscht. Derart selbstgefällig auf eine pseudomoderne Clip-Ästhetik setzend und sich selbst für die eigenen sensationsheischenden Einstellungen feiernd, bleibt ein Blick auf eine irgendwie geartete soziale Wirklichkeit von Menschen bloße Behauptung. Die Geschichte, die „
alaska.de“ erzählt, ist zudem banal, schon hundertmal gehört, was wohl auch den Filmemachern auffiel, denn sie interessieren sich nicht für ihre Figuren, sondern nur für die technischen Mätzchen: Zeitlupe, Zeitraffer, Farbfilter, effekthascherische Einstellungsperspektiven, „entfesselte Kamera“, hektische Montage, die keine zwei aufeinanderfolgenden Sätze stehen lassen kann, sondern permanent in Schuss/Gegenschuss auflöst - alles, was eben chic aussieht. Weit sensationeller als die Geschichte ist die pittoreske Zurichtung der herrschenden Tristesse: Es war einmal ... der wilde Osten. Man könnte noch vielerlei gegen den Film einwenden: der A-Klasse-Daimler der Mutter, die Besetzung des Vaters mit Odenthal-Assi Andreas Hoppe, im Abspann notwendig kumpelhaft zu „Andi“ geworden, die papiernen Texte der Erwachsenen, die zu Klischees geronnenen Dresscodes und Fluchtutopien der Jugendlichen, die Entscheidung, die natürlichen Bewegungen der Darsteller knallhart den Schnitt- und Musik-Rhythmen zu opfern - hier ist alles zur Warenform geronnen. Die vollmundig behauptete Authentizität verkommt zum verkaufsfördernden Ornament einer letztlich umfassenden Affirmation des Bestehenden (buchstäblich keine „Erfahrung“ möglich!), unterlegt übrigens partiell vom Backkatalog des Hauses Kitty-Yo, was der ganzen Sache einen recht bitteren Beigeschmack verleiht: Wollen wir Teil eines derart spekulativen Fakes sein? fragen wir Bartleby. Ihr kennt die Antwort.
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