BEWERTEN
 

Thomas Brusig

»Heimsuchung. Schauspiel für 5 Personen«

[Verlag Volk & Welt, 79 S., DM 22,-]

Text: Autor unbekannt

“Warum ist meine Kirche leer und seine Kinos voll?” fragt Pfarrer Eberti und drapiert ein Poster von Clint Eastwood in Rächerpose an seine kleinstadtidyllische katholische Kirche mitten in Hessen, weil - so sein postmodern hoffnungsfroher Gedankenanfall - ein wenig Dekontextualisierung die Menschen wieder in seine Arme lenken würde. Und tatsächlich: vom Ruf nach Gerechtigkeit gelockt, finden sich neue Besucher ein. Die Ostpunker Keks, Zillus und Schulle suchen Schutz vor der Polizei.
Brussigs Schauspiel ist ein Labor, die Kirche ein hermetischer Raum, in dem Ost- und Westgeschichte und -ressentiments aufeinanderprallen. Die hermetische Situation wird aber nicht genutzt, um mit den Brechungen der Persönlichkeiten zu spielen oder mit diesen Brechungen letzten Endes so etwas wie Kommunikation oder Verständnis zu finden.

In einem taz-Interview sagte Thomas Brussig über “Helden wie wir”, dass er dieses Buch “aus Wut und Enttäuschung über die nicht stattgefundene Vergangenheitsbewältigung geschrieben habe.” Das Schauspiel “Heimsuchung” führt diese Wut weiter. Der Bericht eines missglückten Fluchtversuchs in einem Tiefkühllaster macht das ganze Dilemma deutlich. Vor Angst hat sich einer der drei in die Hosen gemacht: gefrorene Scheiße stinkt nicht. Das heißt aber nicht, dass sie verschwunden ist: wenn sie taut, stinkt sie. Die Gewalttätigkeit eines Regimes und die Unfähigkeit, über die Vergangenheit zu trauern, die Verletzungen der “Übernahme” und die Sehnsucht nach Gerechtigkeit schwinden nicht einfach mit geschenkten 100 Westmark Begrüßungsgeld. Der “Scheiß” kommt an anderer Stelle nach oben - früher oder später. So bleiben Ressentiments, Unverständnis und Zerstörungswut (personifiziert in dem Punker Keks), die so blind und sinnlos ist wie der Hass in den “national befreiten Zonen”. An einer Stelle sagt Pfarrer Eberti: “Jeder muss einmal die Glocken selber geläutet haben.” Er meint die Glocke der Liebe, Hoffnung und Freiheit. Zum Schluss läutet Keks die Glocke selbst, diesmal ist es eine Glocke der Hoffnungslosigkeit - mit seinem Kopf als Klöppel.



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aus Intro #80 (Dezember 2000 / Januar 2001)
 
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