Das Hyteriemoment Des Podiums
»Rainald Goetz / Thomas Meinecke / Andreas Neumeister / Josef Winkler«
[12.09. - Hamburg, Literaturhaus]
Text: Autor unbekannt
Mal keine Musik an dieser Stelle, sondern lesende Stimmen. Denn der Suhrkamp Verlag hat seine lebenden Autoren aufgefordert, die verstorbenen zu lesen, damit alle gemeinsam im Glanze des fünfzigjährigen Jubiläums erstrahlen dürfen. Man denkt angesichts eines solchen Datums sofort an Namen wie James Joyce und Max Frisch, Michel Foucault und Jürgen Habermas - und spürt die Aura von Klassikern, die immer auch ein wenig penetrant ist. Solche Autoren machten den Suhrkamp-Verlag zum intellektuellen Mythos der deutschen Nachkriegsgeschichte, zu einer Enklave des Geistes, die immer so elegant blieb wie die grafische Gestaltung der Umschläge durch Willy Fleckhaus.
Entsprechend schien das Ambiente des Hamburger Literaturhauses gewählt worden zu sein. Ein großer Saal, prächtige Kronleuchter und die vier Lesenden halfen den Gästen darüber hinwegzusehen, dass sich bei Suhrkamp die Reihen der aufregenden neueren Autoren gelichtet haben. Rainald Goetz eröffnete den Abend mit einigen staubtrockenen Zeilen aus der Organisationstheorie von Niklas Luhmann; Andreas Neumeister las aus Uwe Johnsons “Begleitumständen”; Thomas Meinecke begab sich mit Walter Benjamins Text “Charles Baudelaire” auf die Spuren des großstädtischen Flaneurs; und Josef Winkler beendete die Lesung im wunderbarsten österreichischen Dialekt mit Peter Weiss. Dann hätte alles vorbei sein können, wäre da nicht ein hyperaktiver Rainald Goetz gewesen, der plötzlich selbst Fragen stellte. Zum Beispiel, warum man Gedrucktes überhaupt laut vorlesen soll; ob man als Zuhörer auf einer Lesung etwas verstehen möchte; oder ob es nicht vielmehr darum gehe, die Lesenden in ihrer Körperlichkeit zu erleben. Wild mit den Armen herumfuchtelnd beschwor Goetz das “Hysteriemoment eines solchen Podiums”. Auf Einwände, die nicht an ihn adressiert waren, reagierte er trotzdem, und als ihm die Publikumsreaktionen zu langweilig wurden, beendete er kurzerhand die Lesung, riss die Arme hoch, lachte sympathisch und rief: “Nein, auf so was kann ich nicht antworten, das ist mir irgendwie ... Das war’s jetzt, danke!”
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