BEWERTEN
 

Testcard-Lesung

»Immer wieder Trouble mit Gender«

[22.06. Köln, Popdom]

Text: Autor unbekannt

... Nur hatten wir diesmal leider kein Problem mit den Problemen der Konstruktion von Geschlechtlichkeit in der populären Kultur, wie der Titel der aktuellen Testcard lautet und wie auch die Lesung im Popdom überschrieben war, denn das hieße ja, sich mit den momentanen Rollen von Männlichkeit und Weiblichkeit im Popkontext zu beschäftigen, nein, wir warfen an diesem Abend lediglich weibliche Blicke auf Tatsachen und Strukturen im Musikbiz. Angeführt von Tine Plesch und Martin Büsser, die Auszüge aus ihrem Fragen stellenden Vorwort zum Heft vortrugen, und gefolgt von dem sehr persönlichen Erfahrungsbericht Luka Skywalkers, „Können wir jetzt endlich mal über Musik sprechen ...??!!!“ Genau dazu kam es aber nicht - weder in ihrem Text noch in der anschließenden Diskussion -, es blieb beim Versuch, über die Rolle der Frau in der Popmusik zu berichten.

Dabei wurden Erfahrungen ausgetauscht, Notstände und große Problemfelder aufgezeichnet. Mit Sicherheit auch zu Recht, nur: sollte es bei einer Gender-Veranstaltung nicht auch ein wenig offener um die Festschreibung von männlichen Rollen gehen? Man kann gegen Strukturen anrennen und sie kritisieren, der Ansatz von Gender ist aber doch gerade, auch die Konstruktion von Männlichkeit so zu hinterfragen, dass patriarchale Machtmechanismen von innen, durch selbstreferenzielle Kritik, zu bröckeln beginnen. Leider wurde genau dies an jenem Abend versäumt! Es ist halt einfacher, mit klaren Feindbildern als mit deren Konstrukten zu argumentieren. Zumal sich diese klaren Bilder in der Realität nur allzu oft noch finden lassen ... Ohne zu suchen bzw. ohne deren feindliche Nähe überhaupt zu vermuten - erscheint ja zunächst auch abwegig auf einer Testcard-Gender-Veranstaltung im Popdom. Nun, wir wurden eines Besseren belehrt: Der Veranstalter Uwe Husslein kündigte schon im Vorfeld an, zur Not auf Sätze wie „Die braucht nur mal ‘nen richtigen Mann ...“ (natürlich scherzhaft gemeint) zurückzugreifen. Was für ein Witzbold! Seinen tatsächlich armen Humor sollten die Testcards am Ende der Veranstaltung zu spüren bekommen: Weder hatte er sich um eine Unterkunft gekümmert, noch war er bereit, die Höhe der Einnahmen zu nennen geschweige denn zu teilen. Er sabberte die ganze Zeit von „das werde ich mit eurem Chef regeln“ oder „nach den Vorfällen im letzten Jahr“ (???) - lediglich Hieroglyphen zum ängstlichen Machterhalt auf wackligem Macho-Fundament, so viel war klar. Das brachte die Laune zum Überkochen, es wurde geschimpft und geschupst ... - ohne wirkliches Ergebnis. Wie so oft, wenn es um Geschlechterrollen geht. Schade!



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aus Intro #77 (September 2000)
 
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