BEWERTEN
 

The Gathering

»If Then Else«

[Century / VÖ: 26.07.2000 ]

Text: Autor unbekannt

Ein netter Nebenaspekt des kritischen Befasstseins mit anderer Leute Werk ist, dass man durchaus in die Lage geraten kann, sich von lieb gewonnenen Vorurteilen zu trennen. Nach einem dieser Vorurteile, von denen sich der Verfasser bis heute nicht freisprechen konnte, handelte es sich bei The Gathering um unerträglichen Kitschgothmetall, auf den sich ein großer Teil der Todesmörtelfraktion in seiner Bombastverblendung unseligerweise seit etwa 1995 geeinigt hat. Hinweg mit tickender Bassdrum, rasiermesserscharfer Gitarrenattacke oder gar tiefer gelegter Aggression und nix wie mit Verve der aufgesetzten Tragik an die Brust geworfen.

Was dann zu Auswüchsen namens Tiamat führen musste und beispielweise einer Band namens To Die For, die sich in diesem Blatte jüngst ein mächtiges Gemaule verdient hat und hier nur deswegen Erwähnung findet, weil sie pflichtschuldigst auf Touren mit The Gathering verwiesen haben. Letztere tragen im Metier des getragen agierenden Kitschgothmetals einiges an Gründerverantwortung, aus der sie nicht entlassen werden sollen; das gerät allerdings auf dieser Platte – welche dem Vernehmen nach an das letzte Machwerk nahtlos anknüpfen soll – in den Hintergrund. Bereits mit dem Opener “Rollercoaster” eröffnen uns die Holländer vielmehr ihre Domäne voll Cocteau Twin’schen Nicht-Gesangslinien, zugehallter Atmosphäre und schwülstig-feister Soundabschmeckung mit Elektronik, poppig zurechtgedrehten Heavy-Riffs nebst kurzen wuchtigen Moshmomenten. Dass dick aufgetragen wird, dürfte bekannt sein, dass allerdings zu einer eigenen Ausdrucksform gefunden wurde, welche auch noch fesseln kann, erstaunt durchaus. So ist das liebliche “Saturnine” zu erwähnen, ein ansprechender Moment im aktuellen Popgeschehen. Sängerin Anneke von Giersbergen ist unzweifelhaft die Chefin im Ring, sie täte indes gut daran, ihren Hochsinger-, ja Restmetal-Impetus auf seine Notwendigkeit zu überprüfen, selbst auf die Gefahr hin, dass sich die Angelegenheit dann eingängiger präsentieren würde – damit und mit den dahinter lockenden kommerziellen Effekten dürften die Beteiligten ohnehin kein Problem haben. Wenn die Chanteuse dann noch nicht zu oft der Gefahr erliegen würde, alles zuzusingen, dürfte ein neues Level erreicht werden. Und was anderes als “oranje boven” könnten wir dann dazu sagen? Gut gelungen ist schon dieses.



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