BEWERTEN
 

Die Stille nach dem Schuss

»BRD 2000«

[R: Volker Schlöndorff; D: Bibiana Beglau, Martin Wuttke, Nadja Uhl u. a.; 14.09.]

Text: Autor unbekannt

Schließlich, nach dem Fall der Mauer, wurden Axel Caesar Springers feuchte Träume Wirklichkeit: Ehemalige RAF-Terroristen wurden auf dem Boden der Ex-DDR, wo sie jahrelang in aller Heimlichkeit lebten, verhaftet. Also doch! Unter dem Fahndungsdruck der Polizei hatten sich einige “umherschweifende Haschrebellen” für ein angepasstes Leben im Kleinbürgermief des real existierenden Sozialismus’ entschieden. Klar, diese Geschichte - eine Farce mit existenzialistischem Approach - muss erzählt werden. Dass Volker Schlöndorff, der notorische Literaturverfilmer, damit wartete, bis Inge Viett ihm den exemplarischen Lebenslauf verfasst hatte, um anschließend diesen Stoff dann auf bewährte Weise zu entpolitisieren, mag enttäuschen.

Schlöndorff und sein Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase greifen denn auch tief in den stereotypen Fundus medial-kodifizierter Wirklichkeiten, um Bilder (und Worte) für die Rekonstruktion dreier deutscher Fantasmen zu finden: den RAF-Alltag, den DDR-Alltag und den Sozialismus. Soll das Handeln der Figuren “politisch” motiviert werden, werden die Bilder beliebig und die Dialoge papieren. Doch was Hauffs “Stammheim”, Trottas “Die bleierne Zeit” und “Das Versprechen” noch unerträglich reaktionär werden ließ, scheint diesmal durchaus stimmig, weil “das Politische” hier umfassend als Camouflage oder Fassade fungiert. Der abstrakte Traum vom Sozialismus (a.k.a. eine bessere Welt), der hier die Terroristen und die Stasi eint, bekommt in “Die Stille nach dem Schuss” eine existenzielle Doppelbödigkeit, die derart abstrakt gehalten wird, dass man meint, es mit der Verfilmung eines ganz anderen Stücks Literatur, nämlich Luhmanns “Liebe als Passion”, zu tun zu haben: zur Disposition stehen die emotionalen “Spiel-Räume” beim Leben unter/mit einer “Legende”. Wenn der Stasi-Offizier ganz zum Schluss von seinem Vorgesetzen erfährt, dass westdeutsche Geheimdienste von der ganzen Aktion gewusst haben, bekommt die Geschichte einen weiteren, diesmal kafkaesken Schub, der lediglich retrospektiv möglich wird: Das “Untertauchen” im Arbeiter- und Bauernstaat gerät zu einem sadistischen Abschiebemanöver in die “Strafkolonie”.



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aus Intro #77 (September 2000)
 
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