FANTÔMAS
»Sehr unangenehme Wahrheiten«
[18.07. - Hamburg, Logo / VÖ: 02.02.2007 ]
Text: Autor unbekannt
Wer von Sprache umgeben ist, wird mit ihr unweigerlich konfrontiert. Man spricht, hört zu, liest und versteht vielleicht etwas nicht. Und man hat sich zu dem kommunizierten Sinn zu verhalten. Jedenfalls ... Ich sitze in der U-Bahn, auf dem Weg zum Konzert von Fantômas, als ich diesen unglaublichen Satz lese. Genauer gesagt handelt es sich um eine Aufforderung, die ein französischer Philosoph vor über zwanzig Jahren an seine Zuhörer gerichtet hat: „Allez écouter les mélodies de Nietzsche dans les discothèques.“ Kurz darauf hält die Bahn, ich steige aus und der Satz mit mir. Ohne locker zu lassen, eher im Gegenteil. Denn wie genau sollen diese Melodien klingen? Melodien eines Philosophen, der den Tod Gottes verkündet und das dionysische Prinzip innerhalb der Kultur, das rauschhafte Verwischen der Grenzen, hervorgehoben hat.
Dann stehen plötzlich Fantômas auf der Bühne. Sie sehen aus wie Comicfiguren auf einem wirklich monströsen Drogentrip. Buzz Osborne (sonst Melvins) stehen die Haare wie nach einem 220-Volt-Stromstoß vom Kopf ab, während Mike Patton (früher Faith No More) die Maskenhaftigkeit seines Gesichts unter einem zurückgegelten Schopf theatralisch ausstellt. Er hat sich auf das Zerschreien und Winseln phonetischer Unlaute spezialisiert. Seine Stimme entleert den Sinn und reproduziert im Gegenzug die Ekstase lautmalerischer Sprechblasen; die weit aufgerissenen Augen spiegeln den Wahnsinn seines Auftretens: „Aaaah! Tschickki Orgh! Whaaa Ruahruah!“ Unterstützung erhält Patton durch die punktgenauen Knüppelpolyphonien eines Dave Lombardo (früher Slayer), die zusammen mit den brachialen Gitarren- und Basswänden die stickige Luft verdichten. Keine zehn Sekunden vergehen ohne Break, der Krach bricht schlagartig zusammen, übrig bleiben ein paar irrsinnige Schreie vom Band. „Jedes Mal ein Anfang, der irreführen soll. Allmählich mehr Unruhe; vereinzeltes Wetterleuchten; sehr unangenehme Wahrheiten aus der Ferne mit dumpfem Gebrumm laut werdend.“ Friedrich Nietzsche never lies ...
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