BEWERTEN
 

Kenneth Anger

»1947-80«

Text: Autor unbekannt

Bei Kenneth Anger dürfte es sich um eine der legendärsten Gestalten des Undergroundkinos handeln, obwohl es der Mann nur auf neun Filme brachte, überwiegend fragmentarische, teils unvollendete Werke. Berühmt wurde der Amerikaner vor allem als Autor des skandalträchtigen Sittengemäldes “Hollywood Babylon” über die dunklen Seiten der frühen Hollywood-Stars. Zum Mythos wurde Anger u. a. durch seine intensive Beschäftigung mit Okkultismus und Astrologie und seine enge Verbindung zu Stars der damaligen Popwelt wie Mick Jagger, Marianne Faithfull oder Jimmy Page, ebenso wie durch die Ankündigung seines eigenen Todes in der Village Voice und die Zerstörung und Unterdrückung seiner Filme, die Martin Scorsese, David Lynch, Kathryn Bigelow und R.W.

Fassbinder nachhaltig beeinflussten. Anger wuchs als Kind der Traumfabrik auf und hatte 1935 eine kleine Rolle in Max Reinhardts und William Dieterles “A Midsummer Night’s Dream”. Seinen ersten Film namens “Fireworks” drehte er bereits 1947 im Alter von 17 Jahren. Darin verkörpert Anger selbst die Hauptfigur The Dreamer, einen Jungen, der sexuelle und gewalttätige Abenteuer erlebt. Dominiert wird dieses visuell ungewöhnliche Frühwerk von einer ausgeprägt homoerotischen Atmosphäre. 1949 begann Anger die Arbeit an seinem ambitionierten, nie vollendeten Spielfilmprojekt “Puce Moment”, worin Frauen die unterschiedlichen Tageszeiten verkörpern sollten. Ein vom Narzissmus und dem Jazz der 20er Jahre geprägter Film. Zwischen 1950 und ‘61 lebte Anger in Paris, wo 1951 “Rabbit’s Moon” und 1953 “Eaux d’Artifice” entstanden, letzterer ein technisches wie atmosphärisches Meisterwerk voller magischer Momente, gedreht in einem Garten in Tivoli, untermalt von der Musik Vivaldis. 1954 macht Anger einen Abstecher nach Amerika, wo er “Inauguration Of The Pleasure Dome” dreht, inspiriert von den Ritualen Aleister Crowleys. Die Farbgebung und Atmosphäre des Films regte Roger Corman zu seinen Poe-Verfilmungen der 50er und 60er an.
1961 präsentierte Anger mit der Motorradgang-Ballade “Scorpio Rising” seine Kritik an der amerikanischen Kultur, unterlegt mit der Musik von Elvis Presley. Der Film wurde wegen seiner vermeintlich anstößigen Natur von der Polizei in L.A. konfisziert. “Kustom Kar Kommandos” von 1965 besitzt zwar einen ähnlich Fetisch-artigen Charakter hinsichtlich der Darstellung der damaligen Teenager-Kultur, wirkt aber insgesamt weniger düster. In den 60ern und 70ern suchte Anger Zuflucht in London bei Mick Jagger und Jimmy Page, wo mit “Lucifer Rising” und “Invocation Of My Demon Brother” zwei seiner wichtigsten Filme (seine bisher letzten) entstanden, wiederum eng verknüpft mit dem Gedankengut Aleister Crowleys. Heute lebt er an der Westküste der USA.
Neu erschienen sind seine Filme jetzt in England, verteilt auf drei liebevoll aufgemachte Kassetten des British Film Institute (erhältlich bei Mann Beisst Film, Luitpoldring 2a, 85591 Vaterstetten, Tel. (08106) 30 31 02).



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aus Intro #77 (September 2000)
 
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