BEWERTEN
 

Jamie Lidell

»Muddlin' Gear«

[Warp / Zomba / VÖ: 12.02.2007 ]

Text: Autor unbekannt

Wie weit kann man die Dekonstruktion der elektronischen Musik treiben, ohne sich dabei das Standbein abzuhacken? Jamie Lidell, der letztes Jahr mit Super_Collider den Crispy-Funk ins Haus brachte und uns den Gummibiegtanz lehrte, scheint sich wirklich einen Scheißdreck für die heiligen Konventionen der Konsumentenfreundlichkeit (aufgestellt von den Plattenfirmenbossen) zu interessieren. Als sich vor einigen Jahren Free Jazz und Japannoise die Hand gaben, haftete dem folgenden “John Zorn versus Boredoms”-Hype eine nicht zu unterschätzende Hipness an. Ein Großteil der Rezipienten kokettierte nur mit seinem Gefallen am Massaker, hinter der zugehaltenen Ohrmuschel konnte man die Gedanken der armen Schlucker geradezu hören: “Oh Mann, wann ist dieser Trend nur vorbei, wie viel muss ich mir noch geben?” Die Folge: für all jene, die das “Genre” nur als Makrophänomen wahrnahmen, war es ein kurzes Spiel mit der Avantgarde (quasi ein Zwischenstopp zu Drum’n’Bass, TripHop und Latin-Grooves).

Doch wer sich damals die Mühe machte, die Lupe an die richtigen Stellen zu heben, switchte hinein zwischen die Atome der Freiheit. Ein schier unendliches Netzwerk, das - gerade elektronisch interpretiert - ein System ohne schöpferische Grenzen ist. Jamie Lidell muss diese Scheiße lieben. “Muddlin’ Gear”, entstanden in Cristian Vogels Studio, ist meilenweit entfernt von dem Groove-Verständnis von Super_Collider. Die dort performierte funky Vertracktheit ging trotz ihrer Komplexität noch immer in die Hüfte. Diesmal setzt Lidell eher bei einem Industrial-geprägten Groove-Verständnis an: Die Maschinen klingen einnehmend, fordernd, bestimmen mächtig den Weg des kalten Rhythmus’. Es ist die viel zitierte Maschinenmusik, die sich wenig bis gar nicht für den Menschen dahinter und davor interessiert, sondern ein Eigenleben entwickelt: nothing gonna’ stop me. Los, Mann, tätowier mir den Barcode ein. “Muddlin’ Gear” taugt auf Grund der momentan wirklich nicht gegebenen Hipness von Noise-Konstruktionen sowieso nicht zur oberflächlichen Profilaufwertung, deshalb: bitte nur mit der Lupe und viel Aufmerksamkeit angehen, denn dann, das verspreche ich euch, werdet ihr eine verdammt großartige Platte entdecken, eine, die auch in Jahren noch rotiert.



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