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Lucy Pearl

»Das Leben nach der R&B-Standardformation«

[13.06. - London, Hanover Grand]

Text: Autor unbekannt

Eigentlich ist das Hanover Grand nur ein austauschbarer, etwa 500 Leute fassender, schwarzer Kasten von einem Club. Doch schon die roten Absperrkordeln vor dem Eingang verraten, dass es hier ganz und gar nicht beliebig zugeht, weder was die Selektion des Publikums noch die Auswahl der Künstler, die hier auftreten, anbelangt. Im Hanover Grand findet sich regelmäßig das schönste, bestgestylte Publikum ein, das man in London finden kann. Menschen, die aussehen, als seien sie Mitglieder der All Saints und Another Level (und es manchmal sogar sind), die sich zu erwachsen fühlen, um zu einer der angesagten 2Step-Nächte zu gehen, die aber gerne bereit sind, DM 60,- (und noch mal so viel für zwei Gläser Sekt) auszugeben, um die HipHop- und R&B-Helden des letzten Jahrzehnts in einem intimen Rahmen zu sehen.


An diesem Abend hat es gleich drei von ihnen ins Hanover Grand verschlagen: Dawn Robinson (Ex-En Vogue), Ali Shaheed Muhammad (Ex-A Tribe Called Quest) und Raphael Saadiq (Ex-Tony! Toni! Tone!) geben ihr Europa-Debüt als Lucy Pearl! Und wenn die bisherige Solo-Karriere von Robbie Williams als Beispiel für die Emanzipation von Boygroup-Mitgliedern dienen kann, dann liefern Lucy Pearl die Blaupause für das Leben nach der R&B-Standardformation. Keine einstudierten Tanzschritte mehr, keine Einheitskleidung und schon gar keine Musik vom Band, dafür aber eine Rückbesinnung auf die Live-Qualitäten von Bands wie Sly & The Family Stone unter Berücksichtung der erlernten Skills der letzten anderthalb Jahrzehnte. „Die Musik, die wir machen, ist das Resultat unserer kollektiven Zusammenarbeit“, betont Dawn Robinson. „Da gibt es keine Absprachen oder Strategien. Wir finden die Musik, die wir machen, auch gar nicht besonders riskant. Aber die Welt des R&B ist so formatiert, dass das, was wir machen, schon die Grenzen sprengt. Ohne den Erfolg unserer vorherigen Gruppen würde eine Band wie Lucy Pearl heute gar keinen Plattenvertrag bekommen.“
Im Hanover Grand spielt diese frustrierende Einsicht natürlich keine Rolle. Lucy Pearl sieht und hört man die Freude an den gemeinsamen Auftritten an. Das Konzert ist eingerahmt von zwei Höhepunkten: Zuerst bestreiten Lucy Pearl ein Medley aus den größten Hits ihrer Ex-Bands, dann folgt am Schluss eine nicht enden wollende Version von „Dance Tonight“, dem ersten Hit von Lucy Pearl. Dass weitere folgen werden, davon ist an diesem Abend nicht nur das schöne Publikum überzeugt.



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aus Intro #77 (September 2000)
 
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