Hurricane Festival
»Regen, ein rotes Zelt und eine nasse Dose Ravioli auf dem Grill«
[24./25.06. - Scheeßel, Eichenring]
Text: Autor unbekannt
Ich stecke den Kopf durch den Reißverschluss und sehe unsere unmittelbaren Zeltplatz-Nachbarn mit einem Hammer wie besessen auf einen Einkaufswagen eindreschen. Hinter mir zieht jemand einen Graben um sein Zelt. Zum Frühstück gibt es mit Käse gefüllte Pilze, Schwarzbrot und Tomaten. Und Ravioli.
Hurricane 2000. Auf dem Eichenring Scheeßel, wo sich das restliche Jahr über Speedwayfahrer dreckig machen, suhlten sich nun wieder 30.000 Freaks im Dreck. Eine lustige, begeisterungsfähige Mischung, die sich mit wenig Vorurteilen von den verschiedensten Gruppen beschallen ließ, am Bungeeturm baumelte und versuchte, möglichst viele der spärlichen Sonnenstrahlen einzufangen.
Zeit für Lives Powercollegerockshow. Obwohl so meilenweit vom Rock’n’Roll entfernt wie Woodstock 2000 vom Hippietum, postulierte Sänger Ed mehr als einmal routiniert „Let’s rock“ an das pogende Publikum. Mit einem Jahrzehnt Bühnenerfahrung gelang den Pennsylvanians zumindest eine perfekt choreographierte und musikalisch abgestimmte Show, die das Publikum kraftvoll in den Bann zu ziehen wusste. Sogar einen Rollstuhl musste die Graben-Security aus dem Händemeer pflücken. Weniger Tanz, eher offene Münder bei Trent Reznor, gegen den alle Marilyn Mansons der Welt einpacken können. Die Nine Inch Nails schlugen und bohrten Löcher in die Ohrstöpsel der Massen, trieben die PA an die Grenzen des Möglichen und ließen ihre düster dichten Botschaften gekoppelt mit einer Cyberpunkshow in die Hirne fließen. William Gibson hätte seine helle Freude gehabt. Kontrast auf der wesentlich kleineren Zeltbühne. In kuscheliger Clubatmosphäre heizte Gentleman der Menge ein und feuerte sie mit weedgeschwängerter Stimme zu immer lauteren Beifallsrufen an. Der Ruf des „Jamaikaners im Herzen“, einer der besten Liveperformer überhaupt zu sein, ist berechtigt, und deswegen bekommt er immer den besten Platz auf allen Festivals - obwohl er nicht allzu viele Platten verkauft hat. Routiniert, keineswegs abgeklärt, präsentierte sich der Kölner mit vierköpfigem Backgroundchor und der „Killing Riddim Section“, die zuvor schon der deutlich lahmeren Firma zu knalligen Beats verholfen hatte. Die Liga der stereotypen HipHop-Kids hielt sich auf dem Hurricane wahrlich in Grenzen, doch auch die anderen Zeltzuschauer ließen sich die Ärsche sowohl von der Firma als auch von Groove Armada bewegen, die ihren durchgestylten Dance-Sound hervorragend organisch live umzusetzen wussten.
Wer erwartet hatte, dass Moby auf einer großen Rockfestivalbühne zu seinen Punkwurzeln zurückfindet, wurde eines Besseren belehrt – alle Hits am Stück, von „Go“ bis „Why Does My Heart“ servierte der Derwisch der hüpfenden Masse. So schnell, wie er kam, war er auch wieder verschwunden, nicht ohne eine verwirrte Rockmenge zu hinterlassen, die realisierte, dass sie gerade zu Discobums getanzt hatte. Begeisterung auch bei Skunk Anansie, die wieder einmal eindrucksvoll bewiesen, dass sie mehr als eine charismatische Sängerin mit Band sind. Maxim von The Prodigy enterte für zwei Songs die Bühne und unterstützte die nach allen Seiten flirtende Skin. Respekt gab es für Henry Rollins, der seinen durchtrainierten Körper trotz kalter Windstöße zur Erschöpfung trieb, schrie, predigte und den wirklichen Rock manifestierte, auch wenn der zuweilen schon ein wenig verstaubt wirkte. Rollins darf das.
Den krönenden Abschluss des Festivals bildeten Bush. Gavin entledigte sich zur allgemeinen Enttäuschung zwar nicht des T-Shirts, kletterte dafür in den Bühnentakelagen herum und fand, dass er schon lange nicht mehr auf einem so schönen Festival gespielt habe. Die Hingabe der Fans war ihm sicher. Glückliche Besucher, eine entspannte Security, nette Stars am Festivalguidebus und Socken, die nur kurz über dem Grill trocknen mussten – das Hurricane war ein rundum schönes und gelungenes Festival.
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