BEWERTEN
 

Willkommen in der Agit-Disco

»Primal Scream«

[15.03. - London, Hammersmith Palais]

Text: Autor unbekannt

Drogen und Popmusik - bei kaum einer anderen Band der 90er ging das schöner zusammen als bei Primal Scream: ob 'Screamadelica', 'Give Out, But Don't Give Up' oder 'Vanishing Point' - neues Album, neuer Stoff war die Devise. Ihrer Musik hat das kaum geschadet, und so freute sich die gnadenlose britische Musikpresse, sie wenigstens als 'Drogen-Tonnen' anrempeln zu dürfen.
Die, aber nicht nur die dürfte sich beim Konzert von Primal Scream verwundert die Augen gerieben haben: Statt der fröhlichen Hedonisten standen ungemütliche Asketen auf der Bühne der scheußlichen Großraumdisco, einen Steinwurf entfernt von der Londoner Dependance des Unterhaltungs-Multi Seagram.

Und das mit dem Steinwurf würde Scream-Sänger Bobby Gillespie sofort wörtlich nehmen mit seinem neuerwachten Haß auf den multinationalen Kapitalismus. 'Like a guitar army' (Gillespie) stehen Primal Scream auf der Bühne. Die Kernmannschaft ist zu einem Kollektiv aus neun Leuten angewachsen, eine lose Gang, die den Aufruhr sucht. So blasen sie dem Publikum reine Wut um die Ohren. Wut auf die gebrochenen Versprechen von New Labour, auf Kameraüberwachung, TV-Volksverdummung, die Hoffnungslosigkeit und das Fehlen von zivilem Ungehorsam: 'You think you are free, but you aint free, just free to be hit', schleudert der mittlerweile 37jährige Gillespie mit jugendlichem Furor ins Publikum. Das scheint zunächst paralysiert durch die Lautstärke im Frontalunterricht in Sachen Klassenkampf. Und wendet den Blick von gleißenden Scheinwerfern, die auf die Menge strahlen. Nett hier. Und die Musik? Ach ja. Ein Donnerwetter aus Jesus And The Mary Chain-Gitarrenlärmereien und Elektrobeats. Übermächtig sind die Bässe Mani Mounfields, mit denen er die Ragga-Dämonen aus den Psycho-Dunkelkammern Adrian Sherwoods läßt. Funkiness in Form von zwei Bläsern hat einen schweren Stand gegen drei Gitarristen, von denen nur einer meist untätig am Bühnenrand lungert: Kevin Shields ist ein freies Radikal, das dem Gitarrendonnerwetter der musikalischen Freischärlertruppe die Blitze aus seinem Effektkästchen beigibt, während Gillespie, der Schlaks mit Sonnenbrille, mit beschwörerischen Gesten beeindruckt. 'Kill All Hippies' und 'Exterminator' wippt das Publikum noch pflichtschuldig mit, beim heiß-kalten 'Swastica Eyes' wird dann endlich getanzt. Willkommen in der Agit-Disco, Baby!



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aus Intro #74 (Mai 2000)
 
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