BEWERTEN
 

Einstürzende Neubauten

»Silence Is Sexy«

[Our Choice / Zomba / VÖ: 03.04.2000 ]

Text: Autor unbekannt

Daß Stille sexy ist, haben wir doch immer gewußt, oder? Da wirkt es nur konsequent, daß die Neubauten diesen Gedanken zum Programm erheben, um ihn hernach erneut und konsequent zu zerstören. Natürlich längst nicht mehr brachial, sondern mit Haarrissen, die sich mehr und mehr zeigen, sanft aufreißen und das Gebilde schließlich zerfallen lassen. Der feine Schuttstaub wird eingeatmet und dann: weitermachen. Man stelle sich Sisyphus als einen dekonstruierenden Discodancer vor. Ohne jede Klugscheißerei - sondern einfach nur mit Material, das auch in der Zukunft zählen wird. Das Besondere an der neuen Platte dieser ewigen Ausnahmeband ist, daß sie auch für völlige Neueinsteiger interessant werden kann und bleibt.

Das disparate Musikaufkommen - gesammelt im Zeitraum von fast drei Jahren - bildet genau diese schwarz glänzende Palette der Band in allen Nuancen ab, und sie bleibt haften, selbst in Momenten völliger Stille. Kaum eine Band hat Liedstrukturen so sehr mit Geräuschhaftigkeiten, Klangtexturen und experimentellen Standards erarbeitet. Dazu Stil und Eleganz und oft lautlose Intensität, die zusammen über den Kosmos des normativ popkulturellen Einflusses hinauswirken. Das ist gut. Einfach weitermachen.

Marcus Maida

Erinnerungsbild 1: \"Haus Der Lüge\"-Tour, 1989 oder so. Bei \"Der Tod Ist Ein Dandy\" flatterten meine Nasenflügel wie ein kleines Vögelchen. Lautstärke noch nie vorher so körperlich erfahren. Erinnerungsbild 2: Popkomm, Pressekonferenz mit Blixa Bargeld zu \"Ende Neu\". Ein Journalist fragt: \"Herr Bargeld, was lesen Sie gerade?\" Bargeld: \"Ich lese gerade Rabelais\". Journalist: \"Oh, interessant, was denn von Rabelais?\" Bargeld, verächtlich grinsend: \"Rabelais hat nur ein Buch geschrieben ...\"
Gegenwartsbild 1: Umschlag aufmachen. Geiles Cover: Doppel-CD, Digipack, fettes Beiheft. Smashing Pumpkins-verdächtig, opulent und aufgeblasen. Schreit einem zu: Achtung, Sie halten ein hochwertiges Produkt in den Händen. Reaktion beim ersten Hören: was für eine scheußliche Platte! Als wenn schon der Albumtitel andeuten will, daß es besser ist, die Fresse zu halten ... Scheiß Wortspiel, schon klar. Wirkt alles sehr kränklich, blaß, anämisch. Ein obskures Singer/Songwriter-Format. Minimalistisch, Geräuschhaftes beschränkt sich auf leises Streichholzknistern, abbrennende Zigaretten, Anrufbeantworternachrichten. Feedback im Hintergrund. Wenn Trommeln das Inferno einleiten, kommt es nicht. Absage an den Krach. Keine Wortgewalt wie bei \"Halber Mensch\", \"Fünf Auf Der Nach Oben Offenen Richterskala\". Keine Sätze, die hängenbleiben, auch wenn man sie eh nie verstanden hat. Gegenwartsbild 2: Das alles macht Sinn. Wenn man keine typische Neubauten-Platte erwartet. Was sollen sie denn auch machen? Mit 40 (bzw. 20, Glückwunsch zum Jubiläum) noch mit Preßlufthämmern das S.O. 36 aufbohren? \"Negativ Nein\" rufen, zu einer blubbernden Klospülung? Das Dilemma der Einstürzenden Neubauten: Extreme sind ausgelotet. Rückschritte wären \"Redukt\"(-ion) eigenen Anspruchs, vielmehr Regress(-ion). Texte: Bargelds lyrische Hermetik löst sich teilweise in Komik auf. Der sonderbar-frivole \"Musentango\", die schmunzelnden \"Anrufe In Abwesenheit\". Und letztendlich: \"Silence is not sexy at all\". Alles ist neu, aufregend ... - wenn man sich von dem ganzen Feuilletonkult, der um die Einstürzenden Neubauten aufgebaut wurde, löst. Also: doch ein gutes Album.



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