BEWERTEN
 

Pet Shop Boys

»Ganzheitliche Lehrstunde gegen Rock«

[04.02. - Bremen, Pier 2]

Text: Autor unbekannt

Licht aus, Spot an, der Vorhang fällt - nicht. Jedenfalls nicht gleich. Während des Openers \"For Your Own Good\" blieben Tennant und Lowe noch unsichtbar hinterm Vorhang. Auf dem gab es zwar eine Menge zu sehen (Computeranimationen und so), aber schließlich war man nicht gekommen, um auf Projektionen zu starren, man wollte wortwörtlich hinter den Vorhang blicken. Dabei erlebte man bereits einen ersten Hinweis auf den Charakter dieser Show: das Publikum sollte einen gewissen Abstand zu der Bühnendarbietung wahren. Betrachtung statt Identifikation, weg von der Illusion des herkömmlichen Rockkonzerts hin zu kritischer Distanz. Eine Hitrevue ganz im Brechtschen Sinne also.

Eine zentrale Rolle spielte bei der Inszenierung dann auch die sparsame, aber multifunktionale Bühnenkonstruktion, die mal als Showtreppe (\"New York City Boy\"), Pastorenkanzel (\"It's A Sin\") oder suburbanes Ghetto (\"Young Offender\") diente, ganz ohne Realität vorzugaukeln. Auch Tennants Präsentation (samt Punkperücke, Eddingaugenbrauen und Sonnenbrille) war anzusehen, daß er, Brechts Verfremdungseffekt nutzend, lediglich einen Popstar darstellte. Sein Griff in den Schritt war Parodie einer Rockshow und eben nicht der Versuch, eine solche aufzuziehen. Allerdings führte dieser Ansatz zu anfänglicher Unsicherheit seitens des Publikums. Das gab sich allmählich, als Tennant zu schwitzen begann; und als er in der zweiten Hälfte des Sets zudem noch in Zivil erschien und zur Akustikgitarre griff, stand dem Vergnügen auf beiden Seiten nichts mehr im Wege. Nichtsdestotrotz gab es Momente, in denen man bis auf die Menschen schauen konnte, etwa bei Tennants Hommage an Dusty Springfield, die via Festplatte und Videoprojektion bei \"What Have I Done ...\" zum Duett antrat. Nach knapp zweieinhalb Stunden beschlossen die Boys, ihre fünf schwarzen Sänger (vier Herren und eine Dame) sowie zwei unsichtbar im Hintergrund schuftende Herren (Percussion und ein \"Musical Director\") ihr Programm, ein verdienter Feierabend, hatten sie doch Herz, Füße und den Kopf bestens versorgt. Zum Ende gab's sogar ein Lächeln Lowes - kann man mehr verlangen?



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aus Intro #72 (März 2000)
 
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