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»Velo«
[Volk & Welt, 158 S., DM 28,-]
Text: Autor unbekannt
In Wirklichkeit habe ein molekularer Kampf längst in den Metropolen Einzug gehalten. Das zumindest schreibt der Philosoph mit dem Namen Enzensberger. Unter dem Titel „Aussichten auf den Bürgerkrieg' formuliert er an der Schnittstelle von linkem Kulturpessimismus und konservativem Moralismus eine denkbar düstere Gegenwartsdiagnostik, an die auch die prollige Endzeitprosa eines Autoren wie Tim Staffel andockt. Dessen „Terrordrom' beschreibt die Stadt im permanenten Ausnahmezustand; der gesamte Bezirk Berlin-Mitte ist im dritten Jahrtausend ein brutaler Erlebnispark. Natürlich übertragen die Medien das Spektakel.
Der Müll, die Stadt und der Tod: „Aber der Krieg war nicht so leicht zu finden ...
Um ihn zu spüren, muß man ihn mitmachen; eine tägliche Arbeit, minutiös, langsam und enttäuschend.' Das zumindest findet Jörg-Uwe Albigs Antiheld mit dem Namen Enzberg. Der ist Fahrradkurier und jagt in Berlin seinen Großstadtphantasien hinterher. Zum Problem wird für ihn nur, daß die Wirklichkeit seine Erwartungen nicht einlöst; die Stadt, der er den Krieg erklärt, nimmt diesen nicht an. Deshalb müssen Enzberg und seine Freundin Lolli auf die Nebenkriegsschauplätze ihrer Imagination ausweichen, deren Auswüchse immer wieder in Körpererfahrungen münden: Auf dem Fahrrad zu einer präzisen Geschwindigkeitsmaschine mutiert, erlebt sich Enzberg als eine Anordnung beschleunigter Protonen und Neutronen, während Lolli die Spuren des Lebens auf ihrer Haut mit Rasierklingen nachzeichnet. Schließlich betritt Bill, ein Kleinkrimineller, das Idyll dieser Asozietät. Durch sein Zutun scheitert der ohnehin instabile Lebensentwurf der beiden; die im wörtlichen Sinne weltfernen Identitätskonstruktionen erweisen sich als zu brüchig.
Albig hat mit „Velo' kein Rockmusikalbum aufgenommen und auch keinen mehrspurigen Track abgemischt. Es gibt kein selbstreferentielles Autoren-Ich, das seine Lust und sein Leiden an der Welt dokumentiert. Und trotzdem erzählt er eine Jetztzeitgeschichte. Denn Albig hat an den Figuren Enzberg und Lolli gegenwärtige Inszenierungen von Urbanität literarisch seziert. Wenn man so will, ist „Velo' deshalb ein Berlin-Roman über die Dinge, die normalerweise in Berlin-Romanen vorkommen. Folgerichtig kann der Autor auch nicht mehr frei über seine Handlung verfügen, weil der Gegenstand sie erzwingt; sie muß auch Klischees aufnehmen, um sie zu reflektieren. Weil Albig das weiß, kontrapunktiert er seine Minimalhandlung mittels eines unglaublichen Sprachstils, der dicht und reduziert zugleich ist. Die Handlung tritt so in den Hintergrund, und die Sprache sagt alles.
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