BEWERTEN
 

Stereo Total / Monsieur Mo Rio

»Liebe, Lärm & Liposome«

[25.09. – Hannover, Flohcircus]

Text: Autor unbekannt

Viele Mädchen sind gekommen. Richtige Mädchen, junge und etwas ältere, mit Täschchen, Zöpfen, engen T-Shirts, freiem Nabel und was eben so dazugehört. Einige schmähen das obligatorische Bierglas, und warten mit einer Kaffeetasse in der Hand auf Stereo Total. Die Bühne betritt aber zunächst mal Monsieur Mo Rio, ein freundlicher Alleinunterhalter mit elektronischem Orgelgerät, der sich den Applaus vom Band einspielt, und durch eine abenteuerliche Konstruktion aus Kopfhörer und Mikrophon auffällt, die schief auf seinem Kopf sitzt und auch gleich wieder runterfällt, weil es eng ist hinter der Orgel, und Monsieur während der Ansagen gern sehr beschäftigt mit dem Kopf unter seinem Instrument verschwindet.

Sein chaotisches Tun wird freundlich bestaunt, die schrägen französischen Chansons, die davon handeln, ein Mädchen vom Schulhof abzuholen oder das Zimmer für eine Verabredung aufzuräumen, sind charmant und sympathisch. Weniger die paar wirklich doofen Männer, die sich durchs Publikum drängeln, um sich auf den Bühnenrand zu setzen, und die Mädchen von vorn anzugucken. Die sind aber glücklicherweise gerade Bier holen oder sonstwo, als sich Stereo Total einfinden, und Françoise Cactus das Programm mit ausgeprägtem Akzent und einem wesentlichen Problem eröffnet: der Kosmetik. 'Was kann ich tun, um diesen Augen zu gefallen? Beautycase öffne dich!' Wissende Mienen allenthalben. Mademoiselle Cactus bezaubert umgehend: wenn sie sich mit der Bitte um 'Mehr Lischt - weil isch kenne den Text überhaupt nischt auswendisch' durch eine beeindruckende Zettelwirtschaft auf dem Notenständer wühlt, muß man über Sympathien nicht mehr sprechen. Hinter der Bühne hängt ein Laken, auf das zu unbekümmert quietschigem Pop Videos projiziert werden: tanzende Trickfilm-Mädchen und Cartoon-Brüste, die zum Takt über dem Bandlogo hüpfen. Die Synthesizer quäken, eine grellorange Tröte kommt zum Einsatz, es gibt Liebeslieder für Jungs mit extralangen Koteletten, melancholische Chansons, eine schräge Version von 'Movie Star', die einem in anderem Zusammenhang vermutlich die Nackenhaare sträuben würde, und wenn Françoise ankündigt, daß 'ab jetzt nur noch harte Nummern' kommen, ist das nicht ganz gelogen: Plastik-Punkrock läßt im Publikum die Täschchen fliegen. Der musikalischen Perfektion ist die Band so abhold wie eben nötig, um solch liebenswertes Chaos aufzuführen, und wenn es dann jenseits des Konzepts noch Pannen gibt, ist das auch egal. Im Lied nicht ganz orientiert, fragt Françoise mit großen Augen: 'Oh! Und was machen wir nun?' Weiter natürlich. Wer da lacht, macht sich lächerlich, aber lächeln darf man. Muß man. Machen alle. Und nicken. Weil alles genau richtig ist, wie es ist: bunt, lärmig, schräg, und ganz entschieden wunderbar.



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aus Intro #69 (November 1999)
 
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