BEWERTEN
 

Iggy Pop

»Avenue B«

[Virgin / VÖ: 17.09.1999 ]

Text: Autor unbekannt

Es wird dem guten Ig nicht erspart bleiben, daß „Avenue B' allerorten als altersweises, würdevolles Werk eines endlich doch gereiften Großkopferten diverser vergangener Rock-Epochen goutiert werden wird. Denn: genau das ist es. Der öffentliche Oberkörper, so sehnig, so agil, so immervollepulle, ist scheinbar sanft geworden; die eigene Perspektive mit Fünfzig ist eine andere. Immer noch sexy, der alte Schwerenöter, immer noch ein Voyeur, wie er im Buche steht, aber die Hand am Sack ist weg. Da hat die Nazi-Freundin zwar 'nen klasse Arsch, aber der innere Wert ist, was ihn fesselt, die Leere in ihrem Blick. Schwere letzte Dinge, aufgehängt an durchaus interessanten, superpersönlichen Geschichten, die sich erst durch oberflächlich joviale Beobachtungen zum wahren, introspektiven Kern wühlen müssen.

Bücher, Lesen. So was wird wichtig, wenn das Alter dräut. Und im nächsten Song ist Iggy dann endgültig „free', von allem, was an der Ecke feilgeboten wird. Inklusive Weibsvolk. Du meine Güte. Durchaus bewundernd ist sein Gestus, wohlwollend ohnehin. Allein, so ganz verstehen wird er sie nie, die Frauen - und damit findet er sich prompt ab. Hat ja nicht viel Zweck, das, was man liebt, von dem man nicht lassen kann, zu bekämpfen, zu negieren, wie Scheiße zu behandeln. Da konstatiert er lieber, in fast stolzem Ton, daß irgendeine „Miss Argentina' ihn liebt. Obwohl sie die Stones mag. So was belustigt Iggy schon nicht mehr, denn ihr Sohn trägt ein Ramones-T-Shirt. Mit großstädtisch zurückhaltender Grandezza schwirrt und surrt, plinkert und pluckert und tuckert und swingt und jazzt und schweineorgelt sich unser aller Tunichtgut durch leise Songs, die auch einer Entertainer-Version von Leonard Cohen gut zu Gesicht stehen würden. Hier schließt sich der Kreis. Iggy, dessen Tun vom weiblichen Teil der Weltbevölkerung von jeher als diffus sexy, mindestens aber atemberaubend goutiert wurde, kreuzübert zu einer anderen Ikone des gediegenen Älterwerdens und legt sein Wesen wie ein offenes Buch dar. Und ist sexy wie Hölle. Da wird öfter mal gespokenwordet und nur zweimal gerockt im Sinne von früher. Sprengt aber nicht den Kontext, denn ein Grandseigneur des fulminant selbstzerstörerischen Brimboriums darf auch mal Rückschau halten. Im funky-zappeligen Latino-Kracher „Ya Yo Habla Espanol' wird’s phasenweise sogar lebensfroh; ansonsten herrscht ernste, karge Nabelschau. Und Herr Don Was, of alle Produzenten-Hansdampfs, läßt ihn machen, beläßt es beim übersichtlichen, nicht überbordenden Sound. Alles andere wäre Tand. Wie die Jugend. Kein Platz für so was auf der Avenue B. Was für ein Husarenstück.



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