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»SOMMERZEIT. REISEZEIT. LESEZEIT«
Text: Autor unbekannt
Der Urlaub steht vor der Tür, und wie in jedem Jahr verlangt es die von der Arbeit und dem Lernen gestreßten Mitmenschen nach Lektüreempfehlungen, die gleichermaßen Vergnügen und Entspannung, Anspruch und individuellen Noveltycharme versprechen.
Unbestrittenes Highlight des Sommers ist James Salters grandioser Erzählband 'Dämmerung' (Berlin Verlag, 186 S., DM 36,-). Elf Storys über irreparable Zerwürfnisse, unglückliche Lieben und unerfüllte Lebensentwürfe, deren desillusionierte Helden nur zu gut um die eigene Vergänglichkeit wissen. Es sind Romantiker, getrieben von der Sehnsucht nach einem unbestimmten Etwas, das sich nie erfüllen wird. Ritter von der traurigen Gestalt.
Salter macht nie großes Tamtam. Seine Sprache ist einfach, klar und poetisch. Anrührend und melancholisch. Einmal heißt es: 'Es war ein Film bloßer Andeutungen, die Oberfläche war ruhig, die Ruhe des täglichen Lebens. Das sollte nicht heißen still. Unterhalb der sichtbaren Oberfläche lagen Gefühle, die durch ihre Verborgenheit noch stärker wurden. Nur manchmal - gleich der Spitze eines Eisbergs, der unheilvoll aus dem Nichts auftaucht und dann wieder aus dem Blick verschwindet - trat das Grauen hervor.' So sind auch Filme wie 'Die Nacht' und 'Die Reise nach Italien'. Und eben die Werke Salters. Sie führen menschliche Verluste vor Augen, unsentimental und doch immer ein wenig verstörend. Gleichzeitig aber tun sie so verdammt gut. Bitte tief einatmen! # Italienurlaubern, die sommerlich leichtes Lesevergnügen suchen, sei die Neuauflage von Lisa St. Aubin de Teráns autobiographischem Roman 'Ein Haus in Italien' (Insel Taschenbuch, 296 S., DM 17,80) empfohlen. In einem kleinen Nest in Umbrien findet die Schriftstellerin das Haus ihrer Träume. Leider ist der riesige Palazzo halb zerfallen und bedarf einer Grundrenovierung. Kaum stehen die Handwerker vor der Tür, beginnen die Probleme: anfangs wollen die kauzigen Gesellen partout nicht glauben, daß das italienisch sprechende 'Mädchen' tatsächlich die neue Signora ist. Doch schon bald wirken die Arbeiter wie ein natürlicher Bestandteil der Familie. Da allesamt aus San Orsola stammen, ist der Leser schnell vertraut mit den Gebräuchen und Festen der liebenswerten Dorfbewohner. Wer Elisabeth von Arnims Werke verschlungen hat, der wird auch dieses schöne Büchlein lieben. # Ebenfalls in Italien spielen die Fälle von Commissario Guido Brunetti. Pünktlich zu Ferienbeginn erscheint sein fünfter Fall 'Acqua Alta' als Taschenbuch (Diogenes, 371 S., DM 18,90). Zwei Tage, nachdem eine amerikanische Archäologin zusammengeschlagen worden ist, wird ein angesehener Museumsdirektor ermordet. Kunst und Korruption sorgen diesmal für Spannung. # Mit Kurt Wallander hat Henning Mankell eine weitere Kommissar-Figur geschaffen, die seit dem letzten Jahr auch in Deutschland eine begeisterte Leserschaft gefunden hat. Wie schon in 'Die fünfte Frau' wird auch in 'Die falsche Fährte' (Zsolnay, 493 S., DM 45,-) nach einem überaus grausamen Serienmörder gefahndet. Das Besondere sind hier die unterschiedlichen Erzählperspektiven. Der Leser wird parallel in die Gedankenwelt von Wallander, Täter und Opfer eingeführt. Es geht also weniger um Rätselei und Nervenkitzel als um psychologische Charakterzeichnungen. Darüber hinaus gelingt Mankell, indem er reale geschichtliche Ereignisse und Entwicklungen des Sommers 1994 (Fußball-WM, Fremdenhaß) aufgreift, ein exzellentes Porträt der heutigen schwedischen Gesellschaft. Als Taschenbücher liegen zwei weitere der insgesamt acht Wallander-Krimis vor: 'Mörder ohne Gesicht' (dtv, 336 S., DM 16,90) und 'Die weiße Löwin' (dtv, 539 S., DM 17,90). # Wer als pickliger Teenager so unverzeihlich dumm war, sein spannendes Original auf dem Trödelmarkt zu verramschen, sei hiermit auf die Taschenbuchausgabe von Otfried Preußlers legendärem 'Der Räuber Hotzenplotz' (Thienemann, 127 S., DM 11,90) hingewiesen. Mit Kasperl und Seppl, Wachtmeister Dimpfelmoser, Zauberer Zwackelmann und den wunderbaren Illustrationen von F.J. Tripp. Das ist Retro mit Herz. # Große Klasse und immer wieder gut sind auch die Erzählungen von Großmeister Jack London. Für Tropenfreunde sind seine 'Südsee-Abenteuer' (Diogenes, 288 S., DM 14,90) eigentlich unverzichtbar. # Für Frankreichurlauber hat der „Suhrkamp Taschenbuchverlag' eine exquisit gestaltete Reihe unter dem Titel 'Paris liegt an der Seine' zusammengestellt. Elf Bände mit Romanen, Erzählungen, Erinnerungen und Aufzeichnungen laden zu literarischen Entdeckungsreisen ein. Zum Beispiel: Honoré de Balzac: 'Die Frau von dreißig Jahren' (240 S., DM 10,-), Marcel Proust: 'Eine Liebe Swanns' (320 S., DM 18,-), Emile Zola: 'Thérèse Raquin' (288 S., DM 15,-), Raymond Queneau: 'Zazie in der Metro' (158 S., DM 10,-). # „Star Wars'-Fans zählen die Tage: am 18. August startet 'The Phantom Menace'. Wer sich nicht so lange gedulden mag und noch nicht im Internet schlau gemacht hat, sollte schnell Terry Brooks 'Episode 1, Die dunkle Bedrohung' (Blanvalet, 320 S., DM 29,90) lesen. Der Roman zum Film ist nach dem Drehbuch und der Geschichte von George Lucas entstanden: Es war einmal vor langer Zeit in einer weit, weit entfernten Galaxis ... auf dem Wüstenplaneten Tatooine. Schon klar, aber was dann? # Zum 100. Geburtstag von Erich Kästner ist eine schöne Neuausgabe von 'Fabian. Geschichte eines Moralisten' (dtv, 246 S., DM 14,90) erschienen. Berlin Ende der zwanziger Jahre. Fabian lernt die Welt von unten kennen. Saufen, huren und Reklame texten. Eine brillante Satire auf deutsche Zustände. Heute so lesbar und wichtig wie zur Zeit des Erscheinens. # Zurück in die Zukunft oder so ähnlich heißt es auch für Michael Young. Endlich als preisgünstiges Taschenbuch erhältlich: Stephen Frys 'Geschichte machen' (rororo, 464 S., DM 18,90). Ein unglaublicher Leserausch. Eine verdammt intelligente Mischung, die noch besser als Potato-Crisps mit Salt&Vinegar-Geschmack mundet. Ein intellektueller Knabberspaß. Uhhh! I love it!! Einer meiner Lieblingssätze daraus stammt von Hitlers Vater: 'Führer? Du könntest doch nicht einmal eine Schnitzeljagd im Kindergarten führen, Bürschchen.' (Siehe auch INTRO 11/97.) # An dieser Stelle - sträflicherweise - bislang unerwähnt, doch sehr ans Herz zu legen ist Judith Hermanns Erzählband 'Sommerhaus, später' (Collection S. Fischer, 192 S., DM 20,-). Ihre Helden leben im Berlin der 90er. Vor lauter Unentschlossenheit treten sie ständig auf der Stelle. Statt 'ich komme' sagen sie: 'später'. Statt nach vorn schauen sie zurück. Überhaupt scheinen sie mehr in der Vergangenheit als in der Gegenwart zu leben. Daher verpassen sie ständig den richtigen Augenblick. Einmal heißt es: 'Die Sekunde vor dem Moment, in dem ich eigentlich glücklich sein sollte, in dieser Sekunde bin ich glücklich und weiß es nicht.' Das ist die Crux.
Viel Vergnügen!
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