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»Der lange Weg nach Mitte. Der Sound und die Stadt«
[Kiepenheuer & Witsch, 310 S., DM 24,90]
Text: Autor unbekannt
Zugegeben - ich habe mich geirrt. Als ich in der „Art' #03/99 über den Artikel „Generationenkonflikte ohne Generationen' von Diedrich Diedrichsen stolperte, in dem er ganz ohne Schwadronade andiskutiert, warum die aktuelle Kunst nur im tradierten Sinne unpolitisch ist, war ich mehr als gespannt auf „Der lange Weg nach Mitte'. Nach „Freiheit macht arm' und „Politische Korrekturen' ließ Diedrichsen die Dritte (bei KiWi), so lanciert, mehr vermuten als der pseudo-literarisch angehauchte Titel. Die Untertitelung „Der Sound und die Stadt' weist allerdings schon ganz im Sinne Diedrichsens darauf hin, daß unter dieser (unsere Epoche machenden) Trinität „Stadt-Politik-Pop' so ziemlich alles zu versammeln ist.
Den Musikkritiken, Essays sowie „nahen und fernen Beobachtungen' im Hinblick auf Kalifornien, Stadt- und Szenediskussionen und die 90er als Pop-Dekade schlechthin wird im ersten Teil ein Überbau vorangestellt, der die Basis kaum interessieren dürfte, dem geneigten Leser allerdings den Eindruck vermitteln kann, daß es nur der Versuch ist, aus dem Konvolut eine Art Kompendium zu basteln.
Berlin-Mitte ist als Zentrum der neuen Hauptstadt für Diedrichsen auch die prototypische Mitte dessen, was in unserer Konsumkultur zwischen Stadtpolitik und Pop-Kultur im schlechtesten Falle zu beobachten ist; Verkommerzialisierung halt, in der die alten bequemen Grenzen zwischen Alternativ und Establishment im inflationären Fundamentalismus der Warenform verschwinden. Wenn schon dieses in der Einschätzung an den ehemals linken Medientheoretiker Baudrillard erinnert, womit Diedrichsen theoretisch in den „guten alten Zeiten' verbleibt, kann es kein Zufall sein, daß er die Mitte Berlins als „schwarzes Loch' bezeichnet. Ob es dann selbstironisch zu verstehen ist, wenn er später anmerkt, daß Linksradikalität heute nur funktioniert, wenn sie realo-pragmatisch agiert, indem sie erkennt, daß auch sie sich im Diskurs befindet und nicht mehr dogmatisch daherkommen kann?
Die Tatsache, daß die gewohnt brillanten Detailbeobachtungen den Dozenten Diedrichsen zugunsten des Essayisten eindeutig schlagen, welcher auch gerade dann sicherer erscheint, wenn er nicht in luftig aufgebauschten Phrasen schwelgt, ist symptomatisch für das verbleibende Problem des Buches, will man es nicht wie eine Pralinenschachtel handhaben. Neben der Menge exzellenter Zustandsbeschreibungen sind Resümees wie daß man „auf der Straße und in der besonderen Einsamkeit, die sie als Unterbrechung einer oft erzwungenen, falschen Kollektivität auch zu bieten hat', von sich aus lernen kann, „die freiwillige Kollektivität zeitgemäßer und zeitgenössischer Einzelner neu zu denken', als Zitat der Jahrhundertwende enttäuschend.
Wider und gemäß „existentiellen Besserwissens' als Notwendigkeit der „naßforschen Selbstgewißheit der Subjekte', die sich jetzt zwischen modernen Werten und Selbstreflexivität auf ein szenefamiliäres „wie ich konsumiere, so bin ich' berufen, hätte Diedrichsen ebensogut diskutieren können, warum welche Leute sein Buch kaufen. Genauso wie die Tatsache, daß er sich die Nische, die er bedient, vor Jahren selbst herangezogen hat. Vor allem kann in der selbstgewählten Mitte zwischen Theorem und Tacheles auch einiges verlorengehen, weil es für die einen zuwenig und für die anderen zuviel ist. Da hilft auch der erste Satz des Vorwortes, daß sein Buch sich „nicht an alle und keinen' richtet, sondern „an sehr konkrete, aber unterschiedliche LeserInnen' (sic!) so gar nicht weiter. Der Weg nach Mitte ist lang - a self-fulfilling phrophecy?
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