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»The Holy Mountain«

[Mexiko 1973, R: Alexandro Jodorowsky; D: Alexandro Jodorowsky, Horacio Salinas, Ramona Saunders; 114]

Text: Autor unbekannt

Der 1930 in Chile als Sohn von russisch-jüdischen Auswanderern geborene Alexandro Jodorowsky gehört mit „nur' sechs Werken zu den wenigen Regisseuren, die etwas wirklich Einmaliges auf die Leinwand gebannt haben: eher äußerst persönliche, künstlerische Visionen als Filme im herkömmlichen Sinne. Nur Filme, die für den Zuschauer rituelle Schocktherapien darstellen, einen Exorzismus für seine kriminellen und erotischen Obsessionen, Filme, die ihn angreifen, ermorden und zerstören, damit er das Kino schließlich als völlig neuer Mensch verlassen kann, sind für Jodorowsky gut. Das gilt vor allem für sein unerreichtes drittes Werk „The Holy Mountain' (auch als „Montana Sacra' bekannt), einen irrsinnigen spirituellen Trip, vollgestopft mit unzähligen Symbolen und versteckten politisch-sozialen Bezügen, die alle vorherigen und späteren Zelluloidwerke unweigerlich zu einem bedeutungslosen Fliegenschiß zusammenschrumpfen lassen.

Leider verschlang Jodorowskys bis in kleinste Detail durchkomponierte Vision, für die die Welt noch nicht reif schien, auch eine Menge Geld: ein katastrophaler kommerzieller Mißerfolg. Daran scheiterte wohl auch die aufwendige Verfilmung von Frank Herberts „Dune' (1984 von Lynch gedreht), für die Jodorowsky zwischen 1975 und ‘77 zusammen mit Jean „Möbius' Giraud, mit dem er später zahlreiche Comics kreierte, ein komplettes Storyboard entwarf, mit H. R. Giger die Ausstattung entwickelte und Pink Floyd den Soundtrack komponieren ließ. Sein künstlerischer Werdegang führt Jodorowsky in den 50ern nach Paris und Barcelona, wo er mit Leuten wie Roland Topor und Marcel Marceau zusammenarbeitet. In den 60ern in Mexiko hängenbleibend, baut er dort seine Ideen von einem avantgardistischen Theater, basierend auf Antonin Artauds Manifest „Theater der Grausamkeit', weiter aus. Diese Theorien finden Eingang in seinen 1968 gedrehten ersten Spielfilm „Fando Y Lis', ein grausames, surrealistisches Märchen über ein Geschwisterpaar auf der Suche nach der mythischen Stadt Tar, für das ihn das Publikum beinahe lyncht. Drei Jahre später entsteht „El Topo', Jodorowskys Version des Italowestern, umgedeutet als spirituelle Sinnsuche zwischen extremer selbstsüchtiger Gewalt und mönchshafter pazifistischer Entsagung. „The Holy Mountain', sein dritter Film, dem noch „Tusk', „Santa Sangre' und „The Rainbow Thief' folgen, ist zwar keine Fortsetzung im klassischen Sinne, und doch findet sich hier vieles wieder, was bereits in „El Topo' einen hohen Stellenwert besaß: auch eine extreme, spirituelle Sinnsuche. Die Grundstory ist simpel: ein Dieb, der zusammen mit einem Krüppel durch eine von der Militärdiktatur gezeichnete, nicht genauer bestimmte südamerikanische Stadt gepilgert ist, trifft schließlich auf einen Guru-Alchimisten (Jodorowsky selbst), der ihm das materialisierte Schlechte operativ entfernt und seine Scheiße in Gold verwandelt. Danach darf er sich mit einigen anderen seltsamen, ebenfalls von ihrem materialistischen Ballast befreiten Gestalten aufmachen, um auf dem „heiligen Berg' den dort lebenden Unsterblichen ihr Geheimnis zu entreißen. Die sich in 114 Minuten über den Zuschauer ergießende Flut von Bildern und Symbolen läßt sich damit indes nicht wiedergeben. Denn bereits in den ersten 30 Minuten inszeniert Jodorowsky eine allumfassende beißende Attacke gegen das organisierte Christentum und die triviale Reproduzierbarkeit der damit zusammenhängenden Symbole. Sequenzen wie eine Prozession mit geschlachteten, gekreuzigten Lämmern oder jene, in der von dem Dieb ein Gipsabdruck genommen wird, um damit Tausende von lebensgroßen Jesus-Nachbildungen am Kreuz zu produzieren, muß jeder gute Katholik als obszön empfinden. Gleichzeitig enthalten sie ein provozierendes Statement zur politischen Befindlichkeit seines Heimatlandes. Insgesamt ein unglaublicher Jahrmarkt voller monströser Freaks, eine orgiastische Abfolge sadistischer, sexueller und religiöser Bilder, virtuos inszeniert mit surrealistischen, spiritistischen und mystizistischen Stilmitteln und einer Prise grimmigen Humors, verhindert diese Tatsache, daß „The Holy Mountain' nur ein Vergnügen für Akademiker bleibt. Nun ist dieses unvergleichliche Meisterwerk, dem man am besten in kniender Haltung huldigt, zum ersten Mal außerhalb von Japan und Frankreich auf Video erschienen (im Original bei Mann Beißt Film, Luitpoldring 2a, 85591 Vaterstetten, Tel.: 08106 / 303102). Mann Beißt Film



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