BEWERTEN
 

GABRIELE KLEIN

»Electronic Vibration. Pop – Kultur – Theorie«

[Rogner & Bernhard bei Zeitausendeins, 350 S., DM 33,-]

Text: Autor unbekannt

Kodwo Eshuns Buch – legendär, bevor es überhaupt jemand gelesen hat – und die im Popformat veröffentlichte Habilitation der Hamburger Soziologin Gabriele Klein (Thema: Techno als Popkultur der 90er, Popkultur als Kultur der 90er, Problem der 90er: wie geht es, bitteschön, zur Kultur?) gehören nicht so sehr zusammen, wie Du und Dein neues Tocotronic-Album. Insofern jedoch schon: beides sind Poptheorien, die dem Leser mit einer autoritären Geste entgegentreten. Und erst wenn man diesen Auftritt des Textes überstanden, die in der Behauptung von Selbstsicherheit versteckte Behauptung von WAHRHEIT! taktisch abgenickt und ihr dann die Zunge rausgestreckt hat - dann können Inhalte bedacht werden.

Wovon es hier jede Menge gibt. Kleins Buch ist trocken, distanziert und an manchen Stellen anbiedernd, hat zu saubere Fotos und ist überhaupt sehr schick. Für den Glastisch? Da steckt ein Haufen Arbeit drin: einmal x Überlegungen zur Popkultur nachzugehen, dabei immer die Rolle des Körpers und seiner Markierungen fest im Blick. Zu beobachten, wie sich die Frage verkehrt hat, von „Wie kann der Underground gegen den Mainstream angehen?' zu „Wo ist eigentlich mein Tribe?', oder so ähnlich. Schließlich zieht Klein den beliebten Trumpf Pierre Bourdieu. Mit Bourdieu kann man immer feststellen, daß das Soziale ein komplexes Feld ist, in dem über unterschiedliche Kapitalformen (ökonomisches, soziales, KULTURELLES) Statusunterschiede zwischen gesellschaftlichen Gruppen markiert werden. Das Leben, ein Spiel um Distinktionsgewinne. Das kann nicht alles sein und provoziert den Punkt, an dem sich alles – und es ist verdammt viel, was hier so angerissen wird – zusammenfügt: spielerische, ästhetische, körperliche Nachahmung (Mimesis) ist die sozial-kulturelle Technik, mit deren Hilfe man überhaupt erst sozial-kulturell geboren und immer wieder geboren werden kann. Zwar wird dieser Schluß in der Form gezogen, wie man noch ein letztes Puzzle-Teilchen einfügt und die Komplettierung des Bildes dann eben einfach so gelaufen ist, ohne daß die gedankliche Einheit, die ja was Schönes ist, nochmals festgestellt und entfaltet würde. Aber sie ist da. Während Klein also der Bedeutung von Ästhetik nachgeht, ist Eshuns Text ästhetisch. Er versammelt im Grunde eine Unzahl Plattenkritiken (HipHop, Drum’n’Bass, Techno, Sun Ra) im Medium einer futuristisch anmutenden Sprache voller Neologismen und unter dem Dach von einem Dutzend sauguter Ideen. Schätzungsweise. Denn diese (gebrochene) Philosophie des Breakbeat ist ein echter Jungle. Grundüberlegung: Musik erzählt (Sonic Fiction!), und der Breakbeat zerbricht/zerschneidet/zerfetzt die Bedeutung des Samples, wie ... äh Terminatoren, Sternenkrieger und andere Aliens eben so zermalmend vorgehen. Der Effekt: Musik bedeutet neue Räumlichkeit. Klangliche, kulturelle, soziale, individuelle Räume ohne Wände und Einheit. Bitte verlauf Dich an dieser Stelle und tauch in ungefähr einem Jahr wieder unter der Bettdecke auf. Mit Sicherheit schlauer.



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aus Intro #66 (Juli / August 1999)
 
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