BEWERTEN
 

Can mal vier

»CAN - THE PROJECTS«

[20.03. - Berlin, Columbia Halle]

Text: Autor unbekannt

\"Wer erwartet, daß wir uns noch einmal zu viert auf die Bühne stellen und 'Yoo Doo Right' spielen, soll lieber gleich zu Hause bleiben\", hatte Irmin Schmidt schon im Vorfeld gewarnt, doch die Appelle verhallten ungehört. Wer zum Can-Projekt kam, hoffte insgeheim, nach den vier Solo-Darbietungen doch einer Reunion der Can-Kämpen beizuwohnen. Wäre ja ein historischer Augenblick gewesen, doch - was die Träger derartiger Hoffnungen nicht realisierten - auch Verrat an der Idee von Can, die auf stetigem Progreß beruhte.
Es sollte also eine Geburtstagsfeier sein, die Party zum 30. jener Band, die dem Rock mehr gegeben hat als sonst irgend jemand in und aus Deutschland.

Vier Musiker traten nacheinander auf; und hätte man es nicht gewußt, man wäre nie darauf gekommen, daß sie mal was miteinander zu tun hatten.
Den Anfang machte Holger Czukay mit einem Multimedia-Projekt, das allerdings nicht ganz hielt, was es versprach. Das Publikum in eine neue virtuelle Welt aus visuellen und akustischen Bestandteilen mitzunehmen, hatte der ehemalige Can-Bassist angekündigt, doch glichen seine Sounds und Projektionen eher unentschlossenen Reisevorbereitungen als einem Trip in unerschlossenes Terrain. Besonders bedauerlich: seine Konzessionen an den zeitgenössischen Pop-Geschmack. Verglichen mit seiner Air-Liquide-Kollaboration, war dieser Auftritt ein Schritt in die falsche Richtung. Doch wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Vielleicht war es für den erklärten Nachtmenschen gegen neun Uhr abends auch einfach noch zu früh.
Es folgte Michael Karoli mit einem Quartett, dessen personelle Konstellation auf den ersten Blick an Can erinnerte. Auch der Sound war grob an Can angelehnt, doch ließen sich Karoli und Co. in eine Art Folk-Rock hineintaumeln, der zwar der Party-Vorgabe angepaßt war, aber die Tiefe und Brillanz vermissen ließ, die man sonst von Karoli kennt. Meist Geige oder Cello spielend, riß sein Vehikel nur dann die Massen mit dem nötigen Drive hin, wenn er zur Gitarre griff.
Erst als Irmin Schmidt mit seinem Kompagnon Jono Podmore die Bühne betrat, wurde die Zeitlosigkeit des Can-Gedankens offenbar. Auf einem dichten Rhythmus-Teppich, für dessen fraktale Zersplitterung der Terminus Drum'n'Bass eine glatte Beleidigung wäre, improvisierte Schmidt mit diversen Tasteninstrumenten. Wenn gar der Klang eines akustischen Pianos ertönte (oder ein elektronisches Instrument, das diesem Sound sehr nahekam), um sich anarchistisch auf den fetten Beats auszubreiten, meldete sich eine ferne Ahnung künftiger Kammermusik.
Jaki Liebezeit setzte mit seinem Club Of Chaos den furiosen Schlußpunkt. Endlich drei Musiker, die sich mit Fug und Recht Band nennen dürfen. Sie spielten kompakte Stücke auf unkonventionellen Instrumenten, und wäre es nicht so ohrenbetäubend laut gewesen, man hätte davon gar nicht genug bekommen können. Immerhin entfaltete der Club Of Chaos jene zwischenmenschliche Magie, jenen Sog, für den Can einst berühmt war.
Die Dramaturgie des Abends folgte einer Logik der Stringenz. Es war gut, die vier Canner mal wieder auf einer Bühne zu sehen, wenn auch nicht gemeinsam. Ob diese Art der Präsentation allerdings der Idee von und der Erinnerung an Can gutgetan hat, steht auf einem anderen Blatt.



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aus Intro #64 (Mai 1999)
 
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