BEWERTEN
 

HILDEGARD SCHMIDT / WOLF KAMPMANN (Hg.)

»Can Box: Book«

[MEDIUM, 496 S., DM 48,-]

Text: Markus Weckesser

Kommt im Ausland die Sprache auf "Musik made in Germany", so werden mit verblüffender Regelmäßigkeit immer wieder zwei Bands referiert: Kraftwerk aus Düsseldorf und Can aus Köln. Im Popalltag haben sie inzwischen mythischen Status erlangt. Zwar wird in beinahe jeder Abhandlung zum Thema Elektronik resp. Krautrock auf den musikalischen Einfluß der Deutschen verwiesen, eine umfassende Grundanalyse des Phänomens steht jedoch bislang aus.
Daran ändert auch das "Can Box Book" (das einzeln oder als Teil der "Can Box", die zudem eine Live-Doppel-CD und ein Video enthält, erworben werden kann) nur wenig, wobei sich die Herausgeber dessen durchaus bewußt sind.

Das Buch erhebt lediglich den Anspruch, "Fundus von Meinungen und Materialien" zu sein. Den Schwerpunkt bilden Einzel-Interviews, die Wolf Kampmann mit Irmin Schmidt, Holger Czukay, Michael Karoli, Jaki Liebezeit und der Managerin Hildegard Schmidt geführt hat. Nach mündlichen Informationen der Verleger fanden die Gespräche im Laufe der letzten drei Jahre statt. Genaue Angaben werden jedoch nicht gemacht. Das ist ärgerlich, gerade was die Kapitel mit I. Schmidt und Czukay betrifft. Nur zu gerne würde man erfahren, wer hier wem nach dem Mund redet. Denn nicht nur Kampmanns Fragenkatalog ist beide Male nahezu der gleiche, auch die Antworten stimmen häufig fast wortgenau überein. Offensichtlich wurden die Texte mehrfach redigiert und abgeglichen.
Und damit ist zugleich auch schon das eigentliche Manko dieses Buches benannt: entweder fehlen Quellenangaben (Autor, Medium, Datum), oder sie sind unvollständig. Zur Herkunft der über 200 zum Teil unveröffentlichten Schwarzweißfotos und 17 Farbabbildungen werden überhaupt keine Informationen gegeben. Vermutlich stammen die meisten der Bilder aus Privatbesitz und sind daher nur schwer zu datieren. Das ist schade, sollte aber zumindest editorisch vermerkt werden.
Wirklich unverzeihlich ist hingegen die inkonsequente Übersetzungspraxis. Statt einer dreisprachigen (deutsch/englisch/französisch) Ausgabe wären eine deutsche und eine internationale wesentlich sinnvoller gewesen. So aber sind die Album-Kommentare der Musikjournalisten Duncan Fallowell und Rob Young ("Wire") nur auf Englisch abgedruckt. Auch die Remixer-Statements zur "Sacrilege"-CD und die vielen Pressezitate bleiben unübersetzt. Ebenso Christian Börsings Versuch einer musikwissenschaftlichen Analyse von "Peking O". Außer der kompositorischen Komplexität des Stücks arbeitet der Autor zum Beispiel heraus, daß sich das Typische des Can-Stils "nicht über die Definition einer musikalischen Richtung oder eines Genres beschreiben" läßt, sondern eher "über eine bestimmte Art und Weise des Zusammenmusizierens und die Haltung dazu."
Zu ebensolchen komplexen Themen hätte man sich mehr und vor allem eingehendere Untersuchungen gewünscht. Des weiteren mehr gesellschafts- und wirkungsspezifische Fragen. Schade.



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aus Intro #64 (Mai 1999)
 
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