DIE FANTASTISCHEN VIER
»Die Letzte Besatzermusik. Die Autobiographie - aufgeschrieben von Ralf Niemczyk«
Text: Autor unbekannt
Die Verwirrung war groß, der Schock saß tief, als das neue Blumfeld-Album \"Old Nobody\" erschien. Durfte eine Band, die ehemals mit dem Unwort Diskurs-Rocker belegt wurde, schmalzige Liebeslieder und selbstverliebten Pop veröffentlichen? Sie durfte! Mit entsprechender Sinnstiftung ist schließlich alles möglich, selbst die naturgegebene Banalität von Liebe, mariniert in kitschig-süße Lieder, kann in höhere Sphären gehoben werden. Gemäß der Textzeile \"ich annulliere das Nichts / mit Worten ...\" (\"The Lord Of Song\") wurde herbeizitiert und philosophiert, daß es nur so krachte. Barbara Kirchner beispielsweise phantasierte in der \"Spex\" mal eben eine Blumfeld-Monographie und eine Distelmeyer-Biographin herbei, um kurz darauf ein kilometerlanges und tonnenschweres Bücherbord an Literaten in den Kontext von Distelmeyers Dichtkunst stellen zu können.
Während man sich über dieses fragwürdige Phänomen seine Gedanken macht, nach Antwort sucht, geben andere Bands Antworten auf Fragen, die man nie stellen wollte - so zum Beispiel die Fantastischen Vier mit ihrer vorgeblichen Autobiographie. Noch vor dem Erscheinen ihres neues Albums wurde das Buch zur Band veröffentlicht. Nicht selbst verfaßt, dazu ist man wohl zu beschäftigt, sondern aufgeschrieben vom bisher unbescholtenen und geschätzten Ralf Niemczyk. Dieser prostituierte sich - frei nach Funny van Dannen: Ich bin nicht mehr jung, und ich brauche das Geld ... - zum bedauernswerten Geisterschreiber für so entlarvende Null-Sätze wie: \"Wir haben uns damals keine großen Gedanken darüber gemacht, was das alles bedeuten und wo das hinführen könnte.\" Wieso auch. Es begann in naiver Nachahmung von Rappern und DJs aus dem US-Army-Umfeld und wurde ein Stolperpfad der Zufälligkeiten von vier Mittelstand-Jungs rein ins große Popbusiness. Dort angekommen, wundert man sich ein wenig, \"[d]aß daraus eine der letzten Popgeschichten der alten Bundesrepublik entstanden ist\". So zumindest die gigantische Selbstüberschätzung von Smudo, dem das \"erst jetzt deutlich [wird], wo alles noch einmal erzählt werden muß.\"
Nein, es muß nichts erzählt werden und schon gar nicht noch einmal. Alles, was wir von den Fantastischen Vier wissen wollen, möchten wir - recht hübsch in Musik verpackt - in Form von Tonträgern erfahren. Selbstverliebte HipHop-Diskurse auf \"Bravo\"-Niveau, wie sie in \"Die letzte Besatzermusik\" zu finden sind, berühren eher peinlich, als daß sie uns die Band näherbringen. Vieles wird erzählt, einiges davon ist sicherlich auch eingefleischten Fanta-4-Fans neu, dennoch bleibt das Buch über weite Strecken sträflich oberflächlich. Der Eindruck schnöder Schwatzhaftigkeit drängt sich beinahe zwangsläufig auf. So wird beispielsweise die Tatsache, daß Smudos Mutter \"praktizierende Alkoholikerin\" war, zwar erwähnt, dann aber zusammenhanglos - ohne Erwähnung der Hintergründe oder Auswirkungen - im Raum stehengelassen. Statt dessen räsoniert man im folgenden über die \"Tupperparty\"-Bekanntschaft von Andys und Smudos Mutter. Auch die selbstdarstellerischen Plaudereien von Andy langweilen. Es mag hip klingen, wenn man von sich behauptet, Kraftwerk habe einen \"frühzeitig zu einer eigenen musikalischen Denkweise bewegt\", dummerweise fehlt aber die vertiefende Darstellung, wie diese denn nun genau ausschaut. Deplaciert auch die Eigendiagnose von Hausmarke, sein Schulversagen (\"gepaart mit aufkeimender Drogensucht\") entspräche dem \"Kreativen-Klischee\". In der Regel führt eine solche Karriere nicht zum Plattenvertrag, sondern schlimmstenfalls in die Sozialhilfe oder in die medialen Selbsterfahrungsgruppen nachmittäglicher Talkshows. Ebendort scheint Thomas D. längst angelangt: \"Die Sache mit Jenny\", sein \"kleines Hollywood am Rande\", würde in der hier nochmals aufgewärmten Form nicht einmal die Kundschaft von \"Bild\" und \"Bunte\" unter den Rheumadecken hervorlocken. Die Geschichte bleibt fad, da sie nun wirklich keine Neuigkeiten enthält - allenfalls Peinlichkeiten.
Es ist erschreckend, wie wenig die ansonsten so eloquenten Fantastischen Vier in der Lage sind, Position zu beziehen. Das Nacherzählen des eigenen Erfolgs reicht bei weitem nicht aus, um dem Schreiben über (die eigene) Musik einen Sinn zu geben. Demgemäß erübrigt sich auch die Mitteilung, daß das erste Album der Fantastischen Vier \"die Essenz der späten Teenagerjahre\" sei - hinhören genügt! Weshalb man sich vorzugsweise auf den kommenden Tonträger freuen sollte. Schließlich möchte man das selbstgerechte Geschwätz dieser Autobiographie schnell wieder vergessen dürfen.
Artikel kommentieren
Mehr Infos
Diese User besitzen die Platte
Kommentare
Artikel kommentieren - Mehr Forumsdiskussionen
Social Network Login

Logge dich schnell und einfach mit deinen Social-Network-Zugangsdaten bei uns ein.
Nächste Tour-Termine
WEITERE PLATTEN
- » Die Fantastischen Vier - Für dich ...
- » Die Fantastischen Vier - Best Of 1...
- » Die Fantastischen Vier - VIEL
- » Die Fantastischen Vier - Unplugged
- » DIE FANTASTISCHEN VIER - 4:99
- » Die Fantastischen Vier - Lauschgift
ÄHNLICHE PLATTEN
- » Kinderzimmer Productions - Gegen d...
- » Kinderzimmer Productions - Over An...
- » Max Herre - Ein geschenkter Tag
- » Afrob - Spalter:
- » Jan Delay - Spalter: "Wir Kinder v...
- » Curse - Freiheit
- » Dendemann - Abersowasvon
- » Clueso - So sehr dabei
- » Die Firma - Goldene Zeiten
- » Kinderzimmer Productions - Asphalt



