BEWERTEN
 

Hey, ist das live, oder ist das live?

»BLUR«

[24.02. - Köln, 1Live Kulturcafé]

Text: Autor unbekannt

"Was erzähl' ich denn morgen in der Schule, was die gespielt haben?!" Diese Erkenntnis, Ausdruck der Hilflosigkeit eines aufgelösten Backfischs, dürfte einigen der zwanzig, zumeist halbstarken, aber zumindest zu Beginn des Auftritts ihrer vermeintlichen Lieblingsbritpopper noch ganzglücklichen Gewinner der Tickets für dieses exklusive Konzert nach spätestens fünf bis sechs Songs das Lustzentrum zerschossen haben. Behutsam beginnend mit "Tender", der ersten Single-Auskopplung des soeben veröffentlichten Albums "13", vorgetragen unter Einsatz von Akustikgitarre und Kontrabaß (Alex James' Gesichtsausdruck nach zu urteilen, könnte er mit derselben Hingabe seine Unterlippe slappen - hieße das nicht, die obligatorische Mundwinkelkippe der Schwerkraft anheimzugegeben), scheppert und gospelt sich das Quartett im weiteren Verlauf des Songs unter ständigem wechselseitigen Angegrinse in eine hymnische Verbluesung der eigenen - Dope-gepufferten - Shangri-Laune.

So weit, so mitsing-kompatibel. Immer für ordentlich Eyebrow-Aerobic gut: die verhuschten Anmoderationen Damon Albarns, in denen er grundsätzlich Unerklärliches wie den Zuammenhang zwischen Aufenthaltsort und Songlänge zu erläutern sucht: "Hier wollten wir den Song kurz halten, dort eine lange Version spielen, und seit Italien wissen wir eigentlich nicht mehr, ob wir hier oder dort sind und was für ein Format 'Tender' heute eigentlich hatte." Kurz Zeug geschwafelt, dem Rest der Belegschaft breit ins Gesicht gegrinst und schon geht er ab, der Alptraum des chartsgepolten Formatradio-Hörers. Track by Track rocken sich die vier durch ihr aktuelles Oeuvre: bereits "Bugman" läßt Teenager-Entgeisterung in einen Ausdruck gerinnen, den sonst wohl nur transsexuelle Prostituierte zu Gesicht bekommen, Coxons lakonischer Singsang zum Semi-sing-a'long-Schlager "Coffee & TV" gibt den Äffchen Diabetes, und "1992" schließlich sorgt für heillose Verwirrung ob der eingebauten Bühnenrand-Gymnastik-Fußangeln. Die Band gibt sich vorgeblich pikiert ob der wuselnden Ratlosigkeit, die so gerne ein Moshpit wäre (Damon: "Hey, ist das live, oder ist das live?"), griemelt allerdings weiter hübsch breit vor sich hin und beschließt vorerst einmal, amtlich zu schwitzen, zu hyperventilieren und sich dann, wenn es sich - zumindest was Damons Part betrifft - anbietet, hysterisch röchelnd auf dem Boden zu wälzen. "B.L.U.R.E.M.I.", mit nicht mehr ganz so wachem Auge, aber nichtsdestoweniger durchaus trefflich als geeigneter Soundtrack für genannte Aktivitäten ausgewählt, macht den Sack endgültig zu. Teile des Publikums beschließen, die Band fürderhin nicht mehr gut zu finden. Andere - ältere, mehrheitlich Biz-Officials - beginnen verzückt die Augen zu verdrehen. Die neuen Stücke polarisieren offensichtlich auch in der Bühnenfassung deutlicher als alles, was Blur bis dato gemacht haben. Highlights des weiteren Set-Verlaufs sind das ursprünglich für die "Southpark"-Compilation verfaßte "Trailerpark" und der Fuzzrocker "Trimm Trabb" ("... an hommage to the adidas-trainer"). Nach einer kurzen Pause, während der ein freundlicher Radio-Berufsjugendlicher mit Doof-find-Band-T-Shirt uns Anwesende höflich bittet, in - einer Zugabe angemessene - Raserei zu verfallen, kehren Blur schlußendlich doch noch zur Kinderüberraschung auf die Bühne zurück, um den Abend mit einem farbenfrohen Hitreigen inklusive "Song 2" zu beenden, auf daß die rund fünfzig Zuschauer doch noch einmal gemeinsam woohoohen, was sie erwartungsgemäß ansprechend enthusiastisch erledigen. Beschwingter können auch die Besucher von Dietels "Late Night"-Premierensause im benachbarten Cinedom nicht in die Nacht entlassen worden sein.



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aus Intro #63 (April 1999)
 
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