BEWERTEN
 

Versuchsanordnung s/w

»PJ Harvey«

[01.12.98 - Köln, E-Werk]

Text: Autor unbekannt

Ein wenig Skepsis mischte sich schon zu meinen hohen Erwartungen. Obwohl im großen und ganzen eingängiger geraten als der Vorgänger, war doch nicht klar, wie sich die an sich recht komplizierte Hör-Musik von \"Is This Desire?\" in einer für diesen Anlaß und meinen Geschmack etwas überdimensionierten Konzertarena wie dem Kölner \"E-Werk\" machen würde: Was für Leute und vor allem wie viele würden solch einen Event besuchen? Klar dagegen war, daß einer der wenigen deutschen Gigs der sich rar machenden publikumsscheuen Engländerin wirklich ein Ereignis zu werden versprach.
Schon auf dem Weg zum \"E-Werk\" bemerkt man, wieviel los sein wird, denn in Mühlheims Industriegebiet verirrt sich sonst nicht allzuviel Volk.

Heute ist die Pilgerer-Karawane besonders hoch, doch zieht die jüngere Sportswear-Fraktion schon bald gen parallel stattfindendes HipHop-Großereignis, der Rest: im allgemeinen gesetzteres Endzwanziger-Publikum. Dummerweise hat der großartige Support DIRTY THREE bereits eine halbe Stunde nach Einlaßbeginn zu spielen begonnen, so daß ich auf Warren Ellis' diabolisches Geigenspiel verzichten muß. Immerhin entfällt so aber auch die lästige Warterei darauf, daß PJ und ihre Begleitband endlich Aufstellung nehmen.
Der Bühnenaufbau selbst ist so karg wie möglich gehalten. Während der ersten zwei Stücke, beide vom aktuellen Album, laufen im Hintergrund noch dezente monochrome Dias, die aber im weiteren Verlauf durch sehr schlichte gezielte Lichtsetzung abgelöst werden. Ungewöhnlich dann das Line-up und die Aufstellung der Band: während das stark modifizierte Drum-Set vom äußersten linken Rand der Bühne her agiert, stehen die übrigen Bandmitglieder recht gleichmäßig in einer Reihe, in die sich auch PJ wie selbstverständlich einreiht. Dank intensivem Gerätetausch und diversen interessanten Percussion-Instrumenten, die nur für einige Songs auf die Bühne geholt werden, hat das Ganze fast schon den Charakter einer Versuchsanordung. Und mittendrin, zunächst noch ein wenig zurückhaltend am Mikrophon, das dunkle Gegenstück zu Björk: Polly Jean Harvey füllt die Bühne mit ihrer Präsenz fast völlig. Erst als es zu älterem Material kommt und sie selbst zur Gitarre greift, beginnt sie, den Raum in ihrer näheren Umgebung zu erkunden, macht wenige, kurze Ansagen, geht sonst aber völlig in ihrer Rolle als \"femme fatale\" auf. Schön hervorgehoben auch vom den Gig durchziehenden Schwarzweiß-Kontrast: angefangen bei ihrem Outfit über den minimalen, sehr strengen Bühnenaufbau (selbst die Gitarren und der Baß sind in schlichtem Schwarz gehalten) bis hin zum sehr effektvollen Einsatz von Licht und Dunkelheit seitens der Beleuchter, die ebenfalls, etwa beim stückweisen Aufblenden während der Intros zu \"Electric Light\" und \"The River\", eine genau inszenierte Show hinlegen.
Neben den neuen Songs sind es natürlich vor allem alte Hits wie \"Meet Ze Monsta\" oder \"Victory\", auf die das Publikum besonders reagiert. Obwohl PJs Musik ja nur beschränkt zum Tanzen einlädt, wiegt sich die Hälfte der Halle im Bann der teils schwierigen Rhythmen, gefangen im krudesten Fünftel-Takt. Selbst der notorische Nick Cave-Klon neben mir fängt trotz seines nutzlosen Beinpaares wild mit den Armen an zu rudern ... In der perfekten Dramaturgie des Sets, das gegen Ende sogar alte Schrammel-Nummern wie \"Sheela Na-Nig\" der frühen \"Too Pure\"-Phase enthält, gehen PJ und ihr Publikum völlig auf. Und dann nach lang anhaltendem Applaus der Zugabeblock: aufrichtig und feierlich! Von welchem Konzert kann man das schon behaupten?



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aus Intro #61 (Februar 1999)
 
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