BEWERTEN
 

Robert Wyatt

»"Rock Bottom" / "Ruth Is Stranger Than Richard"«

Text: Autor unbekannt

Vier Alben, deren Wiederveröffentlichung nach den sechs Jahren Pause vor dem letzten regulären Wyatt-Album, \"Shleep\", längst überfällig war. Nicht nur, weil Wyatts Musik tatsächlich zeitlos ist, sondern auch, weil so endlich das Werk eines der wichtigsten und meist zitierten Künstler der letzten Jahrzehnte hoffentlich endlich wieder mehr Gehör finden könnte. Sorgfältig editierte Linernotes und die zum ersten Mal veröffentlichten Lyrics machen die CDs aber nicht nur für Neulinge interessant.
Vor \"Rock Bottom\" aus dem Jahr '74 war Wyatt jahrelang Drummer der 60er Psychedelic-Avantgarde-Formation Soft Machine und spielte nach seinem Rausschmiß zwei Alben mit seiner Band Matching Mole ein.

Eigentlich sollte das Material von \"Rock Bottom\" deren drittes Album werden, doch Roberts tragischer vierstöckiger Fenstersturz setzte dem ein abruptes Ende. Wyatt brach sich das Rückgrat und ist seitdem an den Rollstuhl gefesselt - ein Trauma, das bereits hier mit einer gehörigen Portion erstaunlichen Optimismus' verarbeitet wird. Wyatt wäre nicht er selbst, hätte er den tragischen Ernst seiner Situation nicht schon hier mit Humor, märchenhaften Geschichten und Szenarien verwoben. Im \"Sea Song\" entsteht aus Orgel, Piano und seinem typisch nasalen Gesang eine seltsam fremde Unterwasserwelt, die am Ende trotz all ihrer Abgründigkeit zur Erlösung des Verzweifelten wird: \"Your lunacy fits neatly with my own / we're not alone\". Die sechs Songs pendeln in ihrer epische Längen und ihren psychedelischen Sounds irgendwo zwischen Freejazz, Pop und ProgRock und haben im Kern bereits alles, was die Wyatts spätere Arbeiten ausmacht, weshalb \"Rock Bottom\" auch bis heute bei vielen als sein bestes Album gilt.
Halfen bereits auf dem letzten Track (\"Little Red Riding Hood Hit The Road\") bereits Freunde wie Fred Frith, Mike Oldfield oder Ivor Cutler aus, wird die Arbeit mit Gastmusikern mit Roberts zweitem Solo-Album zur Tradition. Neben Frith spielen Brian Eno oder der Trompeter Mongezi Feza auf \"Ruth Is Stranger Than Richard\", das neben genialen Coverversionen wie der des \"Song For Ché\" (im Original von Charlie Hadens Liberation Music Orchestra) Wyatts kruden Humor im berüchtigten \"Soup Song\" sogar das Gemüse tanzen läßt. Danach wurde es lange ruhig um Wyatt, der sein Betätigungsfeld in der Politik findet und Mitglied der kommunistischen Partei Englands wird, die er allerdings Mitte der Achtziger desillusioniert wieder verläßt, Bürger- und Tierrechtsgruppen unterstützt und sich für die Probleme der dritten Welt einsetzt. Erst \"Nothing Can Stop Us\", eine Zusammenstellung von vier Singles, die Wyatt vor '82 auf Einladung von \"Rough Trade\"-Boss Geoff Travis aufgenommen hatte, bricht das Schweigen. Es ist sein politischstes Album, mit dem er direkt auf das politische Weltgeschehen reagiert: Kuba, die Verhaftung Nelson Mandelas oder der Militärputsch in Chile. Wieder sind es ungewöhnliche Coverversionen sowie Neuinterpretationen von Traditionals, die die Songs in einen neuen Kontext setzen. Bei \"Red Flag\" z.B. wird zum Beispiel aus \"O Tannenbaum\" ein kommunistischer Kampfsong, und auch Billie Hollidays \"Strange Fruit\", Chics \"At Last I Am Free\" und der kubanische Folksong \"Guantanamera\" werden von Wyatt völlig neu interpretiert. Auch \"Old Rottenhat\" (85), musikalisch um einiges weniger minimalistisch als sein Vorgänger, steht noch im Zeichen der Politik, wenn auch weniger deutlich als in den fast schon journalistischen Momentaufnahmen von \"Nothing Can Stop Us\" (\"East Timor\" ist eines der schönsten und zugleich traurigsten Lieder an das von Indonesien unterdrückte Inselvolk) und
widmet sich auch eher allgemeinen Themen. Viele dieser Stücke wurden später von den österreichischen More Extended Versions auf ihrem Wyatt-Tribute \"Dedicated To You But You Weren't Listening\" und der Split-LP \"Round About Wyatt\" (zusammen mit den Hamburger Cpt. Kirk &.) gecovert, was die Aktualität wie auch das musikalische Genie und den menschlichen Anspruch Wyatts an sein Werk deutlich und konzentriert auf den Punkt bringt. Die beiden letzten Wyatt-Alben, \"The Animals Soundtrack\" und \"Dondestan\", stehen noch aus, sollten aber ebensowenig wie diese unerreichten Meisterwerke auf taube Ohren stoßen. Großartige, zeitlose Kunst.



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