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CELLULOID DREAMS

»65. MIFED - 01.-06. November 1998«

Text: Autor unbekannt

Mailand ist zwar vorwiegend als Modestadt bekannt, doch bereits seit 1960 gibt sich dort auch die Filmbranche ein Stelldichein, auf der alljährlichen \"MIFED\" (\"International Market of Film and Documentary\"), einer Art PopKomm des Filmbusiness', wo Filmrechte für Kino, TV und Video in aller Herren Länder verkauft werden. Den eigentlichen Reiz der \"MIFED\" machen vor allem die zahlreichen Screenings von aktuellen Filmen aus, die teilweise erst ein Jahr später in hiesigen Kinos oder Videotheken auftauchen - wenn überhaupt. Theoretisch hat man so die Möglichkeit, sich fünf Tage lang jeweils sechs Filme anzuschauen, bei bis zu 28 parallel laufenden Vorstellungen.

Also ein Jahr Kino in komprimierter Form - das macht selbst das abgehärtetste Sitzfleisch auf Dauer nicht mit.
Daß auch Deutschland verstärkt daran interessiert ist, seine Erzeugnisse ins Ausland zu verkaufen, konnte man letzten November deutlich spüren, da es Screenings von den meisten einschlägigen deutschen Filmen gab, darunter natürlich \"Lola Rennt\" und der Hacker-Thriller \"23\" - aber dafür fährt man schließlich nicht nach Mailand. Viel interessanter ist da die Präsenz von Filmanbietern aus Asien, in den meisten Fällen die einzige Möglichkeit, deren Produkte überhaupt mal im \"Kino\" zu Gesicht zu bekommen.
Potentielle Kandidaten für eine deutsche Videopremiere wären dabei sicherlich das mit netten Computer-Spielereien vollgestopfte Big-Budget-Fantasy-Epos \"The Stormriders\", 1998 einer der erfolgreichsten Filme in Hongkong, über den sich Jackie Chan zwar recht abfällig äußerte, wahrscheinlich aber, weil seine alljährliche Action-Gurke \"Who Am I\" (hierzulande als \"Jackie Chan Ist Nobody\" erschienen) an den Kinokassen schlechter abschnitt. Ebenfalls gute Chancen dürfte der westlich getunete \"Enter The Eagles\" haben, nicht etwa wegen der besonderen Qualitäten des völlig durchgeknallten Action-Spektakels, sondern wegen der Anwesenheit von Bruce Lees Tochter Shannon, die aufgrund des seltsamen Ablebens von Bruder und Vater wahrscheinlich mit eher mulmigem Gefühl einer Karriere im Showbusiness entgegenblickt.
Mit dem Streifen \"Bride Of Chucky\" - Ami-Retorten-Horror mit der bekannten Killerpuppe von Ronny Yu, einem ehemaligen Hongkong-Regisseur - können wir dagegen garantiert rechnen. Der dazugehörige Soundtrack steht bereits schon überall rum und beinhaltet zielgruppengerecht den üblichen Crossover-Kram. Das neueste Werk von Italo-Horror-Altmeister Dario Argento, \"The Phantom Of The Opera\", kommt definitiv auf Video. Leider, muß man sagen, denn der Mann ist offensichtlich in die Jahre gekommen, und auf eine weitere blutarme Verfilmung dieses literarischen Klassikers hätte die Welt deshalb locker verzichten können.
Erfreulich ist dagegen, daß Larry Clarks \"Another Day In Paradise\" und Todd Solondzs \"Happiness\" einen deutschen Kinostart haben werden. Während der \"Kids\"-Regisseur zuerst etwas nostalgisch verklärt und vielleicht zu klischeehaft, später dann aber nüchtern-brutal den Alltag eines Junkie-Pärchens (Melanie Griffith und James Woods) in den 70ern schildert, ist Solondz (\"Willkommen Im Tollhaus\") eine moderne, äußerst bemerkenswerte Reflexion über das individuelle Verständnis von Glück gelungen - selbst ein heißes Eisen wie Kindesmißbrauch wird hier subtil verarbeitet. Nach dem Erfolg von \"Trainspotting\" würde es mich schon sehr wundern, wenn nicht auch der ebenfalls auf Irvine Welsh basierende, aber wesentlich unkonventioneller inszenierte Episodenfilm \"The Acid House\" bei uns in die Kinos käme, eine bodenständige Mischung aus Milieustudie à la Welsh und tiefschwarzem Humor.
Besucher des Fantasy-Filmfestes konnten sich schon von den Qualitäten des minimalistischen kanadischen Low-Budget-Streifens \"Cube\" überzeugen, der ausschließlich in einem Labyrinth quadratischer Räume spielt, in dem die Protagonisten ums nackte Überleben kämpfen. Einer der spannendsten Genrebeiträge der letzten Jahre. Nach einer weiteren Nebenrolle in \"Perdita Durango\" hat jetzt auch die spanische Kultfigur Santiago Segura mit \"Torrente - The Dumb Arm Of The Law\" ihren ersten Spielfilm bekommen, ein höllisch unterhaltsames Filmchen, in dem Segura einen abgefuckten Cop in Madrid mimt, der noch nicht mal davor zurückschreckt, seinen Vater zum Betteln loszuschicken. Darüber müßte man eigentlich über Spaniens Grenzen hinaus gut lachen können! Und John Landis hat nach dem überflüssigen \"Blues Brothers 2000\" mal wieder einen richtig überzeugenden Streifen abgeliefert, nämlich \"Susan's Plan\", eine astreine Tarantino-Verarsche mit Nastassja Kinski, in der eine Loser-Truppe versucht, einen Ex-Mann übers Ohr zu hauen, was von Anfang an zum Scheitern verurteilt ist. Tja, und den Trailer zu Robert Rodriguez' \"The Faculty\" (Aliens terrorisieren eine Highschool) hätte man sich auch noch anschauen können, aber was ich während dieser drei Minuten getrieben habe, weiß ich nun wirklich nicht mehr ...



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aus Intro #61 (Februar 1999)
 
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