BEWERTEN
 

Wüste und Wehmut im Winter

»Hazeldine & Jack Logan / Bob Kimbell & Unni Wilhelmsen«

[24.11.98 - Hannover, Café Glocksee]

Text: Autor unbekannt

Sie liegt im Bereich des Möglichen, die episodische Wetterwende inmitten der verdrossenen Matschmelancholie des norddeutschen Novembers. Der Schneeschlamm wird am Eingang abgelegt, und dunkle, warme Töne ersetzen allgegenwärtiges Nörgelgrau: Schwermut, Rotwein, Hazeldine - ein temporärer Klimawechsel von erheblichem Erbaulichkeitsfaktor.
Doch zunächst singt die Norwegerin Unni Wilhelmsen in Begleitung eines offenkundig verzückten Mitstreiters an der Akustikgitarre filigrane Songs über Liebhaber, Mütter und lange schwarze Kleider, bedankt sich allzeit höflich und wirkt insgesamt sensibel, artig und recht lieb. Unni wärmt schon mal das Herz - aber kaum die Füße.

Dies obliegt Jack Logan, der im Kollektiv mit seinem Songwriter-Kollegen Bob Kimbell schönen abgehangenen Sixties-Rock, fein-harmonischen Folk und benebelten Blues zum besten gibt. Rechterhand an den Mikrophonständer gefesselt, mit der Linken an eine Flasche Budweiser gekrallt und knauserig mit Wortspenden, ist Logan sicher kein Meister euphorisierender Bühnenpräsenz, doch autistisches Gebaren kann mit herzhaftem Rockabilly ausgeglichen werden, und so wird für den unzugänglichen Mann in Beulen-Jeans manch Haar geschüttelt.
Haar, das sich anschließend ehrfürchtig und zum Lobe der wonnigen Langsamkeit wieder legen darf: Mit weihevollem Ernst streichen die Damen von Hazeldine die Saiten, um ihnen samtige Akkorde für bittersüße Countryballaden abzuschmeicheln. Doch zufrieden ist nach den ersten Songs lediglich das Publikum: die Band tüftelt noch am Sound, gestikuliert dem Tonmeister, schraubt hier und dort, bis schließlich der Makel ausgemacht ist und ein im Tourbus vergessener Plug - eiligst herbeigeschafft - in der Gitarre von Shawn Barton verschwindet, die indes sehr gewinnend plaudert. \"Ich schwitze gern\", konstatiert die Lady trocken - eine Bemerkung, die weniger von Rockstar-Attitüden zeugt, sondern vielmehr den Lektionen eines Deutschlehrers mit kuriosen Vorlieben Rechnung trägt. Schweißtreibendes steht auch wirklich nicht zur Debatte: ohne jede Gegenwehr verfällt man Hazeldines melancholischem Wüstenrock, den weichen Gesangsharmonien von Shawn Barton und Tonya Lamm, der eindringlichen Schönheit ihrer wehmütigen, dunklen Lieder, unheilverkündenden Akkorden, die heraufziehende Gewitter und den nahen Abgrund anklingen lassen. Allem schönen Schwermut zum Trotz sind die Damen wahrhaftig keine unfrohen Trauerklöße, sondern sichtlich vergnügt, wenn sie zwischen den Songs freundlich parlieren oder sich an Bühnengast Bob Kimbell mit breitem Grinsen den Hintern reiben. Entsprechend dankbar ist das Publikum, das einen ausgiebig berauschten Flegel, der mit einiger Penetranz den Wunsch äußert, man möchte doch mal richtig losrocken, für diese Ungebührlichkeit mit mordlustigen Blicken straft und auch spät in der Nacht vehement Zugaben fordert. Eine davon gibt Tonya Lamm, die mit einem Glas Rotwein und ohne jede Begleitung \"Dead Love\" singt: \"If I fall to hell or fly above, please tell them all I died for love\". Ein ausgemachter Rohling, der sich da eine ergriffene Miene verkneifen kann. Mit diesem Nachklang in den Schneematsch entlassen, wirkt alles ein wenig anders als kurz zuvor, und fast meint man, auch in einem hochbetagten Polo in der leergefegten Innenstadt eine Ahnung von der Unendlichkeit des Highways zu spüren. Ein Gefühl, das auf wundersame Weise auch das Linksabbiegen in die nächste glitschige Tempo-30-Zone überdauert.



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aus Intro #61 (Februar 1999)
 
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