Die DIETRICH als Rucksack
»PLACEBO«
[24.10. - London, Brixton Academy]
Text: Autor unbekannt
Der einzige Schein billigen Glamours, der sich heute Nacht auf Brians Avignonspatzenhaarhelm bricht, rieselt von vier straßbehangenen Kronleuchtern herab, die wie überdimensionierte Glitzerwespennester von der Bühnendecke baumeln. Molko trägt im kleinen Schwarz(weiß)en vor, die androgyne Strecke zwischen den Polen \"schweres Schuhwerk\" und \"leichtes Make-up\" gibt sich also dezent. Da sickert etwas im großen ganzen Seriöses, ganz etwas - weil im Kontext britische Musik durchaus auch hehres - Großes durch Lippenstift und Puder. Wo PLACEBO bisher geschäftig vom glamour of damage schwatzten, über das Leben, das Saugen und den ganzen Rest referierten und - bei wegelang wohl konsequent - sich für die Nullnummerkids einer Generation Zero in die Bresche warfen, leuchten die neuen Songs deutlich persönlicher koloriert.
Der erste, \"Scared Of The Girls\", herausgehauen aus \"Without You I'm Nothing\", bricht den \"Brian, Brian\" und \"Placeeeeebo!\" skandierenden Frontferkeln die Zehen und leitet - im Kontext Aufführung die wohl klarsten Parallelen zum Debüt freigebend - mit den derart glücklich Geschundenen im Chor quiekend zum Aufwärmen mal eben von einer Ära in die nächste. Molko agiert unglaublich verhalten, kokettiert über verwischte Streichelbewegungen mit der hölzernen Sexualität seiner Gitarre, die Arme um den Körper schlingend mit der seiner selbst. Ein niedlich-nihilistischer Bastard aus Art-Deco-Vamp und Kiplings Kaa.
Was meint das heute noch, gender bender? MARILYN MANSON heißt in Wirklichkeit Brian, und Brian Molkos wahrer Name lautet - na wie wohl - Brian. Gott sei Dank stellt eine dieser hämisch liebkosenden Handscharaden Molkos deutlich mehr Nackenhaare in die Senkrechte, als es selbst der sorgfältigst inszeniertesten Pressekonferenz Herrn MANSONs jemals gelänge. Die Band nutzt die quälend langen Pausen zwischen den Songs, nichts zu tun und ein wenig Beklemmung zu verbreiten. Keine Angst, kümmert euch nicht um uns, wir sind nur PLACEBO. Schnurrrrr!! \"Don't you wish you'd never met her?\" Das Trio wuchtet \"Brick Shithouse\" über die Kante. \"Now your lover went and put me to the ground.\" Brians Vibrato hat eine neue Qualität erreicht; in das, was bisher in erster Linie Opfermentalität transportierte, hat sich eine handfeste Portion Wiederstand eingeschlichen. Wo vorher nichts als blanker Zynismus war, setzt sich mittlerweile eine schon fast rotwangige Ironie durch.
Verwirrend genug, ... legt man sein Augenmerk einmal auf die Zuschauer, vor allem die männlichen. Da auf der Bühne über bereits erwähnte Aktivitäten (Gitarre und sich selbst streicheln, zwischen den Songs möglichst lange nichts tun - erweitert um dramatische Augenaufschläge und verschwörerisches Getuschel) hinaus wenig passiert, ist es auf PLACEBO-Konzerten fast interessanter, Jungs beim PLACEBO-Schauen zu beobachten, als PLACEBO zuzuschauen. Dieses unglaubliche Mißtrauen in den Gesichtern, als wäre Brian Molko nicht Brian Molko, sondern ein schlechter Geruch, einer dieser beängstigenden Träume, in denen man ein Mädchen küßt und plötzlich seinen Schwanz in der Hand hat. Vielleicht ist es ja nur seine Stimme, die sie so nervös macht. Für was für grausame, verschwitzte Träume mag die neue Leidenschaft darin erst sorgen, die diese großen, bröckelnden, sich verzehrenden Tunes wie an einem Nasenring durchs Programm zerrt. \"Allergic\", \"You Don't Care About Us\" (\"Do not be afraid. You don't care about us. We are only Placebo\"), \"Bionic\". Immer wieder ein kurzer schartiger Schock, unterbrochen von einer Minute bangen Unwohlseins. \"You Don't Care ...\" garniert Molko mit einer angedeuteten Masturbationsgeste. Die transpirierenden Jungs im Publikum fühlen sich durchschaut, kreischen wie damals, als alles besser war, die Ringelsöckchen tragenden Backfische beim Anblick des jungen Ol' Blue Eyes.
\"36 Degrees\" - Brian umarmt versöhnlich seine Gitarre. Der erste große Rausreißer ist \"Without You I'm Nothing\", ein kantiges, verrostetes Autowrack, von der Schrottpresse in Form gebracht. Kompakt, kubisch, und trotzdem kann man sich noch an zigtausend Stellen zumindest die Nagelbetten aufreißen. Und runter mit dem Block. \"Every You, Every Me\" bringt Ordnung in die Zerstörung, das Geschüttel rüttelt hinüber in ein Schweben, schwebt rüber in ein Segeln ... Die '95er-Single \"Bruise Pristine\" fällt wie überhaupt alle älteren Tracks (z. B. \"36 Degrees\", \"Lady Of the Flowers\" und das nichtsdestotrotz natürlich euphorisch abgefeierte \"Nancy Boy\") im Vergleich zu den Interpretationen der Songs vom aktuellen Album eher ab. \"My Sweet Prince\" dagegen, sehr direkt und emotional, kommt schon fast als Paradebeispiel für das, was PLACEBO dazugewonnen haben. \"The Crawl\" krabbelt, von einem imaginären Robert Smith in ein violettes Samtkleidchen gesteckt, in Endlosschleifen um seinen wie der Wind im Gemäuer jaulenden Spukrefrain herum. Es folgen \"Lady Of The Flowers\" und \"Nancy Boy\", zumindest dramaturgisch gut gewählt, das. Der Weg bis hierhin war beschwerlich, viel zu lange Pausen nach jedem Song, kaum Ansagen. Und doch, das Publikum fühlt sich offensichtlich nicht allein gelassen, der Saal tobt. Brian läßt sich von Drummer Steve huckepack von der Bühne tragen. Die DIETRICH als Rucksack. Abgang Nummer eins.
Der Zugabenblock wird hochenergetisch eingeleitet vom Album-Opener \"Pure Morning\", es folgt \"Slackerbitch\" von der \"Nancy Boy\"-Single. Die Halle wird zur Hölle, und zu guter Letzt ist es mit einer bis aufs Piano entkleideten Chanson-Version von \"Teenage Angst\" doch ein Oldie, der alles auf den Punkt bringt, bis sich bei \"Evil Dildo\" schließlich alles entlädt. Bassist Stefan springt von der Bühne. Steht im Zuschauerraum. Läßt sich anfassen, gibt Autogramme. Völlig selbstvergessen. Vergessen.
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