BEWERTEN
 

Christian Schmidt

»Wir sind die Wahnsinnigen. Joschka Fischer und seine Frankfurter Gang«

[Econ, 319 S., DM 39,80]

Text: Autor unbekannt

Wenn von einem aktiven Politiker mitten im Wahlkampf eine Biographie erscheint, dann ist dies entweder eine Lobhudelei von politischen Freunden oder eine Demontage durch seine Feinde. Auf den ersten Blick erscheint das von Christian Schmidt geschriebene Buch über Joschka Fischer und dessen politische Weggefährten als eine jener Ansammlungen von Wahlkampfmunition für dessen konservative Gegner. Der ehemalige Titanic-Redakteur Schmidt hat über ein Jahr in Archiven, Bibliotheken und mit Interviews zugebracht, um den politischen Weg Joschka Fischers von 1968 bis kurz vor sein jetziges Staatsamt nachzuzeichnen. Dabei spart der Autor wenig aus: etwa, daß Fischer '68 seinen Lebensunterhalt erwirtschaftete, indem er Bücher klaute und auf dem Uni-Campus günstig weiterverkaufte.

Anschließend robotete er in den Rüsselsheimer Opel-Werken, um die Arbeiter für die Revolution zu gewinnen. Fischer war auch einer der aktivsten Straßenkämpfer, der Hausbesetzungen mitorganisierte, es gleichzeitig aber vorzog, in einer ruhigen Gegend zur Miete zu wohnen. Einmal soll Joschka gar die aktiven RAF-Terroristen als \"Genossen im Untergrund\" bezeichnet haben, und wahrscheinlich warf er in einer besonders emotionalisierten Demonstration sogar mal einen Molotowcocktail. Bei genannter Demonstration gab es folglich schwerverletzte Polizisten, unser Minister schwor der Gewalt anschließend öffentlich ab und wurde so das, was man heute klassischerweise als Grünen bezeichnet. Darüber hinaus erfährt der Leser, wie Joschka mit Hilfe seiner WG-Mitbewohner Tom Koenigs und Matthias Beltz oder seines Fußballkameraden Daniel Cohn-Bendit Die Grünen übernahm und zur Regierungspartei umformte. Kurz gesagt: die geradezu phänotypische Geschichte eines aktiven 68ers und dessen anschließender Weg in den Maßanzug. So etwas hat man schon oft gehört, normalerweise serviert in sentimentaler \"Wenn der rote Großvater erzählt\"-Manier.
Schmidts Erzähl- bzw. Schreibstil ist jedoch ein anderer, wie man an dem mittlerweile legendären Buch \"Die letzten Stunden des Herrn K. - Frühe dramatische Texte für Abiturfeiern\" (Weisser Stein, Vertrieb über Edition Belleville) oder seinen \"Briefe[n] an die Leser\" in der Titanic überprüfen kann. Genau diesen, für kurze Polemiken gut geeigneten \"Briefe an den Leser\"-Ton des moralisierenden, linken Chefanklägers wählte der ehemalige Marxist Schmidt für seine Fischer-Biographie, wodurch er nach über 300 Seiten den mitleidig ermüdeten Leser auf die Seite des \"Angeklagten\" treibt. Schmidt lockte auch die Medien in seine Falle: Der SPIEGEL und die FAZ etwa traten mit Informationen aus diesem Buch eine Diskussion um Fischers Vergangenheit los, die noch dem letzten inzwischen angepaßten Ex-Systemgegner - und damit potentiellen Grünen-Wähler - klarmachte, daß Fischer einer der ihren ist und zu wählen sei. Im Endeffekt wurden wir so u. a. Innenminister \"Stahlhelm\" Kanther los. Oder, um den erfahrenen Dialektiker Schmidt aus einem früheren Text zu zitieren: \"Cui Bono? Klingt zwar komisch, ist aber heute noch eine gute Frage.\"



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aus Intro #59 (November 1998)
 
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