BEWERTEN
 

Sun Ra 2001

»SONIC YOUTH«

[22.06. - Berlin, Tempodrom]

Text: Autor unbekannt

Es gibt keinen idealeren Auftrittsort für SONIC YOUTH in Berlin als das \"Tempodrom\", jenes Zirkuszelt, das für jede Gelegenheit ein wenig Love-and-Peace-Atmosphäre konserviert hat. Fast genau acht Jahre ist es her, daß SONIC YOUTH hier auf ihrer \"Goo\"-Tour haltmachten. Damals hatten sie die BABES IN TOYLAND im Schleppnetz. Niemand hätte der unbeholfen draufloshämmernden Girl-Kapelle aus Minneapolis im Sommer '90 auch nur ein µ Erfolg geweissagt. Doch bekanntlich kam alles ganz anders. Mit SEAN LENNON, den SONIC YOUTH heuer als Support mitgebracht hatten, verhielt es sich genau umgekehrt. Er trägt nicht nur einen großen Namen und hat mit YOKO ONO eine ganze Tankerladung mütterliche Autorität im Kreuz, er hat auch kurz vor Tourbeginn ein Debüt-Album abgeliefert, das alle Erwartungen überstieg.

Sicher, in Amerika sind SONIC YOUTH mit WE und JIM O'ROURKE getourt, aber für den europäischen Rahmen wäre SEAN LENNON genau der richtige gewesen. Wäre? Ja, wenn er seine Songs auch nur annähernd mit jenem Gefühl für Nuancen konvergierende Extreme umgesetzt hätte wie auf der Platte. Doch leider nahm er seinen Job als Anheizer nur allzu ernst und geriet, kaum daß SONIC YOUTH die Bühne betraten, gleich einer skurril schillernden, aber trotzdem zerplatzenden Seifenblase in Vergessenheit.
Thurston Moore, Lee Ranaldo, Steve Shelley und Kim Gordon zogen von der ersten Minute an alle Register. Hatten sie vor drei Jahren eine enttäuschende Best-of-Retrospektive gegeben, beschränkten sie sich diesmal ausschließlich auf das Material des neuen Albums und der neuen instrumentalen EPs. Ein Gewitter brach über das Zelt herein. Ein Donnersturm, an dem sich das Publikum brach. Jene, die kurze, heftige Eruptionen à la \"Dirty Boots\" oder \"Teenage Riot\" hören wollten, wurden bitter enttäuscht; das Quartett ließ die ergraute Mitsing-Fraktion schmählich im Stich. Wer sich jedoch von der Band für eine anderthalbstündige Abenteuer-Fahrt rekrutieren ließ, kam voll auf seine Kosten. Die Noise-Wellenberge hoben und senkten sich, unterschiedliche Stimmungen verdichteten sich zu Wirbelstürmen, und wenn man in ruhigeres Fahrwasser zu geraten schien, waren die nächsten Klippen meist schon in Sicht. Passagen, die auf \"A Thousand Leaves\", dem neuen Album, eher meditativ anmuten, erfuhren während der Live-Performance eine Transformation in dröhnende Trance. Sun Ra 2001. Oder 2020? Greifen wir der Zeit nicht vor. SONIC YOUTH haben bewiesen, daß sie im Umfeld von Post Rock, Elektro und FreeJazz eine Position bezogen haben, die mit den Revoluzzern von einst nichts mehr gemein hat. Welche Wege es in Zukunft zu beschreiten gilt, wissen nicht einmal die vier Protagonisten selbst. Eines steht jedoch seit jenem Tag unumstößlich fest: Man kann auch in Rock'n'Roll-Ehren ergrauen, ohne sich heimlich auf dem Klo das Korsett festzurren zu müssen. Fantastisch. Eine Perspektive für Millionen. Und als am Ende doch noch das unumgängliche \"Death Valley '69\" erklang, waren endlich auch jene versöhnt, die die Band bereits abgeschrieben hatten.



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aus Intro #57 (September 1998)
 
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