BEWERTEN
 

Von originalen Originalen, akustischen Schlammschlachten und eingezäunten Gäulen

»MORCHEEBA«

[28.05. - Markthalle, Hamburg]

Text: Autor unbekannt

Wie werkgetreu muß die Live-Präsentation einer Musik vonstatten gehen, die laut Aussage ihrer SchöpferIn im wesentlichen als Songform funktionieren muß? Welche Bedeutung besitzt dabei die sound-transparente Verständlichkeit der textlichen Aussage? Und letztlich, wie ist zu befreien, was, in konsumgerechte Strukturen gepreßt, dem Hörer als liebgewonnenes Kleinod nicht entrissen werden will?
Solche Fragen und noch viel mehr brachen sich Bahn ins Bewußtsein desjenigen, der nach Erscheinen beider Scheiben (\"Who Can You Trust?\", 1996, und \"Big Calm\", Anfang dieses Jahres) wochenlang von der Repeat-Taste nicht lassen konnte.
Ja, da waren sie, die spärisch-warmen, ohrwurmartig tief in das Unterbewußtsein getragenen Botschaften aus dem mit einem sanften, unwiderstehlichen Lächeln geschmückten Mund der ehemaligen FLYTRAP-Frontfrau Skye Edwards.

Da waren sie, die wunderbar unangestrengt dahinfließenden Slow-Grooves, eingebettet in ein homogenes Universum lumineszierender Stilvielfalt. Nur, worin bestand - von der optischen Komponente und der physischen Gegenwärtigkeit der Akteure und Hörer einmal abgesehen - der Unterschied zu den Signalen auf dem rotierenden Silberling?
Schnitt I: Das Trio Skye, Paul (turntables & backing vocals) und Ross (guitars) Godfrey betrat - verstärkt durch Baßmann, Drummer und Keyboarder - die Bühne der nahezu ausverkauften Markthalle. Vom ersten Stück an sollte die unattraktive Rückkopplung Weggefährtin des im Verlauf des Konzerts zunehmend verwaschen abgemischten Sounds werden. Gerade die gefühlsbetont-vokale Artikulation solch exponierter Stücke wie \"Fear And Love\", das blue hingehauchte \"Moog Island\", die aktuelle Single \"Blindfold\" und das Dauer-Encore \"Trigger Hippie\" litten unter diesem technischen Schlackeninferno. Auch die gute Skye vermochte den Schlamm zwischen Hammer, Amboß und Trommelfell nicht zu klären, geriet jedoch mit ihrem lieblich hochgesteckten und fluoreszierend violett eingefärbten Düttchen sowie mit ihrer ausdrucksstarken Gestik zur Augenweide des Abends.
Interpretatorische Variation ist des Musikers täglich Brot, zu entwickeln entweder durch spielerischen (sprich improvisatorischen) Umgang mit fremdem bzw. eigenem Material oder durch notierte bzw. anders festgelegte Struktursysteme. MORCHEEBA dagegen boten Duplikate, nahezu identische Nachstellungen ihrer Konserve-erprobten Versionen. Lediglich das überraschende Cover des GERSHWIN-Klassikers \"Summertime\" sowie das Titelstück des aktuellen Albums \"Big Calm\" müssen hier außen vor bleiben und dort, im Innern des um emotionalen Ausdruck der Seele bemühten Musikers, mit sakraler Hochachtung empfangen werden.
Schnitt II: \"Big Calm\", schon der Titel und die CD-Version deuten an, daß sich hier weit mehr verbergen könnte. Und die Godfreys machten wahr, was nicht mehr möglich schien: Sie räumten auf in der Halle mit all den zukunftsweisenden Pop-Sphären. Wie zwei junge Hengste durchbrachen sie das Gatter der kontrollierten Statik, um mit elektronisch stimulierten HipHop-Tunes, taifunartig aufschlagenden Soundkaskaden, hetzenden Raps und ungezügelten Gitarrenriffs fünfzehn für alles entschädigende Minuten der emotionalen Entfesselung und des aufrichtigen Wahnsinns zu erschaffen.
In Leere blieb ich zurück ob dem, was hätte sein können.



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aus Intro #56 (Juli / August 1998)
 
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