BEWERTEN
 

DIE ÄRZTE

»13«

[Hot Action Records / PolyGram / VÖ: 25.05.1998 ]

Text: Autor unbekannt

Mit den ÄRZTEn ist das ja so eine Sache: Ihr Oeuvre ist reich an großartigen wie beschämenden Momenten. \"13\" macht da erwartungsgemäß keine Ausnahme: \"Punk Ist ...\" und \"Männer Sind Schweine\" sind textlich wie musikalisch rundum gelungen, die restlichen fünfzehn Songs überraschen mitunter mit fein ausgetüftelten Gimmicks - oder sind der totale Schrott. Mag es einem auch ein ums andere Mal Bewunderung abtrotzen, mit welcher Genauigkeit die ÄRZTE Teenager-Wehwehchen in dreieinhalb Minuten auf den Punkt zu bringen vermögen; wirklich attraktiv sind \"1/2 Lovesong\", \"Nie Gesagt\" und \"Liebe Und Schmerz\" nur für Angehörige einer Altersgruppe, deren Mütter noch zu jung sind, um zu verstehen.

Gewiß - eine gute Beobachtungsgabe hat noch niemandem geschadet, was aber, wenn seit Äonen immer wieder die gleichen Verhältnisse und Befindlichkeiten beobachtet werden - noch dazu mit gleichbleibendem Ergebnis? Freilich, Protestsongs gehen nun mal auf keine Kuhhaut; gewinnt allein dadurch ein \"Protestsong Gegen Protestsongs\" (der hübsch wanderklampfig beginnt, allerdings allzu vorhersehbar in Geschraddel abkippt) an Unterhaltungswert? Und überhaupt: Ist die Sprache der Musik die richtige, um endlich einmal auf den Tisch zu hauen und zu sagen: Parties mit Erdnußflips gehören nicht zu Gottes tollsten Erfindungen? Wäre eine schriftliche Petition an den jeweiligen Gastgeber nicht der bessere Weg? Sollte man nicht die Schülermitverwaltung einschalten? Mit dem Direktor sprechen? Einen Elternabend abhalten?
Doch solcherlei gehört nun mal zum Standardprogramm bei den ÄRZTEn und ließe sich trefflich mit \"Füllmaterial\" abgeißeln. Das Problem ist schlechterdings anders gelagert. Die ÄRZTE halten sich offenbar immer noch für eine Punkband, das schwierige KASSIERER-Syndrom also. Das hat nicht nur notwendigerweise zur Folge, daß Bela bei jeder Gelegenheit seinen eigentümlich zackigen Marsch-Beat poltert, was ja noch halbwegs brüllend komisch ist. Nun ist Punk bekanntlich eingeschrieben in ein Bedeutungsfeld aus Message-Klimbim, Authentizitätswahn und Individuumsverstrickungsscheiß. Solange DIE ÄRZTE wie bei \"Grotesksong\" oder \"Ignorama\" die Metaebene beackern, gibt es damit nur marginale Probleme. Wenn aber Freundinnen den jeweiligen Sänger verlassen und dessen Texte penetrieren, wird einem unkommod zumute: Ich möchte nicht mit Farin Urlaub weinen. Um nichts in der Welt.
Was bleibt also zu tun? Sich an den großartigen Momenten delektieren. Die tauchen immer dann auf, wenn die entwaffnende Kindlichkeit der Textaussage konterkariert wird durch professionelle Arrangements und High-End-Produktionsmätzchen. Wer auch immer die ausheckt: Der Mann ist phantastisch. Bläser- und Stringarrangements sind durchweg amtlich und paßgenau positioniert, ebenso harmony vocals - na bitte, geht doch. Bleibt zu wünschen, daß Die ÄRZTE sich baldigst dumm und schusselig verdienen, sich Don Was kaufen, Bob Ludwig und Peter Herbolzheimer gleich dazu. Gestrichen wird nur noch seitens des KRONOS QUARTETTs - und die Texte lassen DIE ÄRZTE durchsehen von keiner Geringeren als Irma Hölder. So wird's gemacht.



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aus Intro #56 (Juli / August 1998)
 
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