BEWERTEN
 

Die Rückkehr der Flying V!

»CORNELIUS«

[07.06. - Berlin, Knaack Club]

Text: Autor unbekannt

Und wieder ein Beleg für die These, daß weltgeschichtliche Ereignisse grundsätzlich zweimal auftauchen: als Tragödie zunächst, um dann im zweiten Anlauf in Komödienform zurückzukehren. Da war beispielsweise die Sache mit der Flying V, die in den Händen Rudolf Schenkers (Ihr wißt doch: Schnauzbart-Rocker Rudi, Gitarrist der SCORPIONS) geradezu ein Insigne von - vorsichtig gesagt - eher bodenständigem und traditionsbewußtem Liedgut wurde. Doch nun ist sie zurückgekehrt, die Flying V, und hängt zeitweilig vor dem Körper von Herrn Keigo Oyamada, der auch auf den Namen CORNELIUS hört. Sie, die mit konservativer Symbolik Behaftete, paßt so sehr dermaßen überhaupt nicht in die turbulente Stilwelt Oyomadas, daß es eine wahre Pracht ist, denn schließlich ist CORNELIUS ein Meister des treffsicheren Stilbruchs, wie seine bisherigen drei Platten beweisen.

Hat er die aktuellste von ihnen noch im Alleingang eingespielt, so wird er auf Tour von einer musizierenden Bande von Sonnenbrillenträgern begleitet, die sich der Herausforderung stellt, das Spektrum anglo-amerikanischer Popmusik aus einer japanischen Sichtweise heraus möglichst vollständig zu bearbeiten: Surf, Punk, Pop, Electronica, Psychedelia, Schweinerock, Noiserock, Rock, Easy und zum Teil sehr Heavy Listening - das alles und noch viel mehr gibt es an diesem Abend zu hören, der mit einem kruden Sprachsample beginnt und von dort aus mächtig losballert. Besagtes Ballern erweist sich als einziges Problem in einem ansonsten ungetrübten Hör- und Sehvergnügen, denn der schlicht undifferenzierte Sound zerstört viele der auf dem Album so fein herausgearbeiteten Details. Nicht zu verkennen jedoch ist CORNELIUS' Interpretation von ELVIS' \"Love Me Tender\", genialischerweise auf einem Theremin dargeboten, dem eigentlich einzigen Instrument neben der singenden Säge, auf dem man diesen Song noch spielen darf. Dazu läuft auf der hintergründigen Videoleinwand ein Ausschnitt aus irgendeinem schwarzweißen PRESLEY-Schmachtstreifen, was nur noch zusätzlich unterstreicht, wie angenehm ironisch sich CORNELIUS mit einer Kultur auseinandersetzt, die zum Glück eben nicht auf der ganzen Welt stillschweigend adaptiert wird. Nach knappen 60 Minuten ist der Stil-Spuk schon vorbei - eine Kürze, die nicht zuletzt dem Wohl des Publikums geschuldet sein dürfte. Denn jede weitere Minute dieser Tour de Force hätte unweigerlich zum information overload geführt.



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aus Intro #56 (Juli / August 1998)
 
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