BEWERTEN
 

DIE BEUTE. NEUE FOLGE

»Politik und Kunst I - Subversion des Kulturmanagements«

[ID Verlag, ISBN 3-89408-816-8, 240 S., DM 28,-]

Text: Markus Weckesser

Nach dem Konkurs der alten Auslieferungsfirma stand es ziemlich schlecht um die "einzige westeuropäische Fachzeitschrift für Politik und Verbrechen". Finanziell zwar noch immer nicht voll konsolidiert, ist jedoch ein neuer Anfang gemacht. Ab jetzt heißt DIE BEUTE im Zusatz NEUE FOLGE und erscheint nur noch halbjährlich. Für jede Nummer wird es ein zentrales Thema geben. Die neue Ausgabe "Subversion des Kulturmanagements" hinterfragt das Verhältnis zwischen politischer Linken und künstlerischer Opposition.
Counterculture findet in allen Bereichen der Kunst statt, sei es im Bereich der Sprache, Literatur, bildenden Kunst oder aber Musik.

Barbara Ching führt mit ihrer Analyse in die Welt des Hard Country ein. Im Gegensatz zur klebrigen Romantik des kommerziellen Country wird hier der Blues der "white trash"-Dramen gesungen. Dabei sind es fast ausnahmslos Männer, die zur Gitarre greifen und mit rostiger Stimme ihr Leid klagen. Seltsam gebrochen klingt bekanntlich auch der Gesang bei HOLE. In "Eine von den Jungs?" untersucht Gayle Wald inszenierte Weiblichkeit bei COURTNEY LOVE, JANIS JOPLIN und TINA TURNER. Zwar ist der Text fundiert und erhellend, dennoch bleibt zweifelhaft, ob bei LOVE tatsächlich eine Strategie existiert, Weiblichkeitsnormen bewußt parodistisch vorzuführen.
Seit gut einem Jahr gibt es DE:BUG, Zeitschrift für elektronische Lebensaspekte. Bei einer Auflage von 40.000 sehen Hans Kittel und Alexandra Weltz das Heft in einer Position, die "mehr als nur ein Service sein könnte." Der in der Einleitung formulierte Konjunktiv mutiert jedoch sehr schnell. Im Verlauf des Interviews mit den Redakteuren Sascha Kösch und Mercedes Bunz produzieren sich Kittel und Weltz in abstoßender Weise als Scharfrichter. Themen wie MIKE INK, Techno aus Deutschland und kreative Webdesign-Agenturen scheinen lediglich als Aufhänger für aggressiven Dogmen-Terror zu dienen.
Ebendiese selbstgerechte Verfahrensweise kritisiert Andreas Fanizadeh sehr schön in seinem Beitrag über Antifaschismus, Kunst und Alltagspraxis. So konstatiert er den "Verlust einer wenigstens in Ansätzen einmal vorhandenen selbstreflexiven, mehrdeutigen und amüsanten Praxis", an deren Stelle "ein autoritäres und durch historische Erfahrung nicht beirrbares Identitätsprogramm getreten" sei.
Obgleich das Interview mit Sascha Anderson und Bert Papenfuß zu den spannenderen Artikeln zählt, hätte man sich punktuell kosequenteres Hinterfragen gewünscht. So beschränkt sich die ganze IM-Geschichte lediglich auf die Feststellung, daß man sich mit dem ebenfalls geouteten Heiner Müller lieber sehen ließe als mit Anderson. Auch der Abschnitt über die Verleihung des Erich-Fried-Preises an Papenfuß hätte einer weitaus präziseren Überprüfung bedurft.
Mit seinen spektakulären Aktionen erzielte Christoph Schlingensief im letzten Halbjahr mehr Aufmerksamkeit als mit all seinen Projekten je zuvor. Trotz großer Titelstories in THEATER HEUTE und SPEX blieb bislang unbeantwortet, was nach dem ganzen Rummel um "7 Tage Notruf für Deutschland" und "Chance 2000" bleibt. Nicht viel mehr als Versprechungen, Politikverdrossenheit und Kulturpessimismus vermutet jedenfalls Roberto Ohrt. Was fehlt, seien langfristige Ziele und ein Protest, der sich konkret formuliert.
Auch in den kommenden Folgen der Zeitschrift soll das Thema Kunst weiter diskutiert werden. Der Band "Die Linke nach 68'" erscheint im Oktober und beschäftigt sich unter anderem mit der Entwicklung der Avantgarden und der Organisierung von Punk, NDW und Independent. In diesem Zusammenhang sei nochmals auf die von Myriam Brüger und Schorsch Kamerun kompilierte Benefiz-CD "Ihr Werdet Alle Sterben" (DJ Melanie / Rough Trade) verwiesen. Sämtliche Einnahmen gehen an DIE BEUTE. Zu hören sind 17 Tracks aus dem Grenzbereich von Elektronik- und Rockmusik, so etwa Unveröffentlichtes von WORKSHOP und JAQUES PALMINGER (ansonsten DACKELBLUT), neue Remixe zu Stücken von RED KRAYOLA und DIE MÄUSE, Internationales von APHEX TWIN und JIMI TENOR, schwer Tanzbares von DJ HELL und FOX FORCE FIVE sowie Kuriosa von TOCOTRONIC und THOMAS WENZEL/FRANK WILL (ansonsten DIE STERNE). Als absolute Leckerbissen seien jedoch LES ROBESPIERRES (EGOEXPRESS-Rmx) und CHRIS KORDA empfohlen, denn "selbst der allerlistigste linksradikale Lustagitator kann nicht immer nur mit seiner Eigener-Zusammenhang-Pampe angreifen. Auch der Ton mit Funktion muß gut klingen." Sagt Kamerun. Recht hat er!



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aus Intro #56 (Juli / August 1998)
 
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