BEWERTEN
 

Körper, Kunst & Plattenspieler

»KREIDLER, SHANTEL, ADD'N 2 X«

[03.06. - Berlin, Kulturkantine]

Text: Autor unbekannt

Schon verwegen, einen Mörderact wie ADD'N 2 X ausgerechnet als Support der Soundphilatelisten KREIDLER zu buchen. Los ging's erst mal bei tropischen Temperaturen mit mehrstündiger Verspätung im Biergarten der Kulturbrauerei, da irgendein Schlaule wohl übersehen hatte, daß ein DJ - selbst ein Ästhet wie SHANTEL - zwei Plattenspieler braucht, nicht nur einen. Es dauerte, bis die sagenumwobenen (und ausnahmsweise mal zu Recht gehypten) ADD'N 2 X sich drinnen mit zunächst zartem Fiepsen und dem verhaltenen Spiel der Drummer von STEREOLAB und den HIGH LLAMAS meldeten, die dem Korg-, Moog- und Störfrequenzen-Inferno des Trios einen extrem flüssigen virtuellen Teppich verpaßten.

Erste Klasse, das, und nach den beiden poppigsten Songs von \"On The Wire Of Our Nerves\" umwehte der Stallgeruch völlig neuer Popmusik die Gästeschar. Alles nur ein Trick, und mir wurde klar, was der sympathische Londoner Dreier im Interview vorher mit \"physischer Musik\" meinte: Nach dem denkwürdigen Intro schraubten ADD'N 2 X ihren Pegel aus Oldschool-Synthie-Bässen und Korg-Fiesheiten auf ein Level, das mich erst mal rückwärts an die Wand drückte. Da weder Ohrenstöpsel noch die kurzzeitige Flucht hinter einen breiten Stützpfeiler an der Bar fruchteten (und ich meine Ohren ab und an noch brauche), beschlossen wir, das Konzert von draußen weiterzuverfolgen und nur ab und an mal reinzuschauen: kein Problem. Die Wucht des analogen Sperrmüll-Equipments ging auch an dem alten Backsteingebäude nicht spurlos vorüber, das schepperte und zitterte wie eine bulgarische Tupolew aus den 50ern bei leichten Turbulenzen. Fazit: Beeindruckend, zum Teil überirdisch, ein wenig Anpassung an die Raumgröße aber hätte dem \"physischen\" Musikkonzept von Barry Smith, Ann Shenton und Steven Claydon auch keinen Abbruch getan.
Dann hatte SHANTEL endlich seinen zweiten Plattenspieler, aber was sollte er tun? Sophisticated Café- und Sofadancefloor auflegen? Er tat's, keine Wahl. KREIDLER boten nach diesem Soundinferno mit gewohntem Understatement und sehr lässig ihre verzinkten, verspulten Instrumentals. Manchmal, wenn sich das Gefühl einschleichen wollte, das Ganze käme zu Hause in der Küche auf CD besser, streuten KREIDLER CAN-artig angetriebene Uptempo-Songs ein, die sogar zum Tanzen einluden. Hohes Niveau, wenn auch mehr Kunstakademie als Club.



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aus Intro #56 (Juli / August 1998)
 
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