Takashi Ishiis "Gonin"
»Wenn sich der Regen blutrot färbt ...«
Text: Autor unbekannt
Irrtümlich könnte man Takashi Ishiis bereits '95 entstandenes Meisterwerk für einen weiteren Klon im Fahrwasser Tarantinos halten. Da "Gonin" aber aus Japan stammt, dürfte kaum ein westlicher Zuschauer auf das gefaßt sein, was ihn wirklich erwartet: ein surreal inszenierter morbider Alptraum, der (so widersprüchlich das klingen mag) auch noch wunderschön gefilmt ist.
Fünf (denn "Gonin" heißt "fünf") Schmalspurganoven brauchen dringend Geld und überfallen deshalb einen gutsituierten Yakuza, dessen radikale Antwort auf diesen unverzeihlichen Frevel nicht lange auf sich warten läßt: Mord und Totschlag galore! Obwohl die Figuren, von denen Ishii selbst sagt, über sie sei jeden Tag in der Zeitung zu lesen, in einem eigentlich klischeehaften, unzählige Male wiederholten Subgenrekonstrukt agieren, enthält der Film überraschend persönliche Wahrheiten über einen der momentan spannendsten japanischen Filmemacher.
In den 60er und 70er Jahren als Manga-Zeichner beginnend - und da vor allem im Bereich Erotik, ein Einfluß, der die Inhalte seiner späteren Filmarbeiten deutlich prägen wird -, kommt der '46 geborene Ishii erst '78, als die Nikkatsu Studios seine Comic-Reihe "Tenshi No Harawata" ("Die Eingeweide der Engel" oder ähnlich) erwerben, zum Film. In der Zeit von 1978-95 entstehen daraus sieben Filme mit Drehbüchern von Ishii selbst, der dreimal auch Regie führt. Diese gerne als "Vergewaltigungs-Thriller, die an die niedersten Instinkte appellieren", abgeurteilten Sex&Crime-Mystery-Geschichten lassen die konservative Kritik zwar nicht gerade in Begeisterung ausbrechen, an den offensichtlichen Qualitäten Ishiis aber gibt es nichts zu rütteln, wofür allein schon seine Drehbücher zu den drei "Shiryo No Wana"-Teilen sprechen (hierzulande als "Evil Dead Trap" bekannt und bis auf Teil 3 sogar auf Video bei Venal Virulent, Rappstr. 15, 20146 Hamburg erhältlich). Im Gegensatz zu seinen sonst gerne auf Themen trivialer Pulp-Literatur zurückgreifenden Arbeiten stellen die "Shiryo No Wana"-Teile die Kulmination von Motiven des amerikanischen und italienischen Horror- und Splatterfilms der 70er und 80er dar; mit dem für Japan üblichen Hang zum Extremen gehören diese Filme dortzulande in dem Genre zum besten überhaupt.
Der '93 entstehende Film "A Night In Nude" verweist in Ansätzen schon auf "Gonin": Eine Frau ist es leid, für jeden dahergelaufenen Gangster das Betthäschen zu spielen, was schließlich dazu führt, daß einer dieser Herren dran glauben muß. Ein unbedeutender Handlanger (Naoto Takenaka, der schon in Ishiis "Angel Guts: Red Dizziness" von '88 und später dann in "Gonin" auftaucht) wird zu ihrem Komplizen und flüchtet mit ihr. Beinahe im gesamten letzten Drittel des Films verschwimmen die Grenzen zwischen Realität und Traum, so daß sich die gemeinsame hoffnungsvolle "Night in Nude" erst im Nachspann als reines Traumgebilde des überlebenden Handlangers entpuppt.
Mit diesem drastischen Aufbrechen konventioneller Filmrealität bekommt man es auch in "Gonin" zu tun. Herr Bandai, ein abgebrannter Diskotheken-Besitzer, schuldet zu allem Überfluß einem Yakuza einen Batzen Geld. Was liegt näher, als ebendiesen auszurauben? Eine Verzweiflungstat, die ebenso verzweifelte Komplizen erfordert: den kleinwüchsigen Herrn Ogiwara, der wegen Jobverlust und des daraus resultierenden Gefühls der Nutzlosigkeit langsam irre geworden ist (seiner Familie jedoch weiterhin den treusorgenden Familienvater vorspielt); den "punk" Mitsuya, der seine unterdrückte Homosexualität kompensiert, indem er reiche Schwule in Diskos aufgabelt und anschließend ausraubt; den kleinen Zuhälter Jimmy, der davon träumt, mit der Prostituierten Nami ein neues Leben zu beginnen; und den wegen Glücksspiels geschaßten Cop Hizu, der als Rausschmeißer in einem schmierigen Nachtclub seine Brötchen verdient. Ein Quintett netter Loser also, denen die Schicksalhaftigkeit des Lebens einen dicken Strich durch ihre Lebensplanung gemacht hat und die gleichzeitig klassische Verlierer des japanischen Wirtschaftssystems verkörpern, woran auch der verheißungsvolle Coup nichts ändern wird.
Und bereits der geht nicht besonders reibungslos über die Bühne: Ogiwara dreht durch und erschießt einen Yakuza. Bandai, der quasi als Alibi "zufällig" zugegen ist, verliert daraufhin - sozusagen als Kostprobe auf kommende Ereignisse - seinen kleinen Finger. Auf die schnell ausfindig gemachten Ganoven setzen die Yakuzas zwei seltsame Killer an, einer von ihnen, Kyoya, wird gespielt von Regisseur Takeshi Kitano (siehe INTRO 06/98), dem die Folgen seines schweren Motorradunfalls ('94) noch immer deutlich anzusehen sind, was ihm - in diesem Fall ein echter Glücksfall - eine ungemein bedrohliche Aura verleiht. Die nun folgende erbarmungslose Suche wird in der zweiten Hälfte zum einzigen Halt gebenden Element in einem Film, der immer weiter ins Irreale und Alptraumhafte abdriftet und nach der Aufteilung der Beute in Ogiwaras Heimkehr kulminiert. Denn langsam kristallisiert sich heraus, daß dieser irgendwann seine komplette Familie umgebracht haben muß. Als Kyoya ihn schließlich neben seiner toten Frau in der Badewanne sitzend findet, jagt er ihm, deutlich irritiert ob des Familienmassakers, impulsiv eine Kugel in den Kopf.
Auch wenn dem deutschen Zuschauer diese extrem verstörende Sequenz in einer leider gekürzten Version präsentiert wird - als Entschädigung enthält diese Export-Fassung die wesentlich schönere und längere Schlußsequenz. Man kann eben nicht alles haben.
Wer sich dieses Meisterwerk japanischer Filmkunst entgehen läßt, dem ist einfach nicht zu helfen!
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