BEWERTEN
 

TEODORO ANZELLOTTI

»Erik Satie«

[Winter & Winter / Edel / VÖ: 15.05.1998 ]

Text: Autor unbekannt

\"Seien wir Künstler, ohne es zu wollen. Die Idee kann auf die Kunst verzichten. Mißtrauen wir der Kunst: Oft ist sie nur Virtuosität.\" Ein Ausspruch SATIEs, der gleichsam als Parole für populäre, alternative und nicht akademische Anforderungen stellende Musik gelten könnte. Der 1925 verstorbene französische Komponist hatte Visionen. Als immer aneckender Exzentriker schrieb er für seine Zeit formal undurchschaubare Stücke, machte sich über seriöse Kollegen in grotesker Weise lustig und nahm die heere Kunst bei jeder Gelegenheit aufs Korn, schrieb als Reaktion auf den Vorwurf der Formlosigkeit seiner Kompositionen die \"Drei Stücke In Form Einer Birne\", rüttelte mit dem bizarren Programmstück \"Le Parade\" an den Nerven seines ohnehin nicht vorhandenen Publikums.

Die übliche Karriere eines Genies. Nun denn, er hinterließ ein heute zutiefst von Kennern verehrtes Klavierwerk, schrieb \"Songs\", kleine Bagatellen mit unmöglichen Titeln wie \"Die Drei Vornehmen Walzer Von Widerwärtiger Geziertheit\", den Zyklus \"Sport Und Unterhaltung\" oder die \"3 Gymnopédie\", deren erster Teil gegenwärtig zu trauriger Berühmtheit durch den \"Fels In Der Brandung - Württemberger Hastenichgesehen\" gekommen ist. Allen Werken SATIEs ist die dezente Verschrobenheit gemein, die der Person des Komponisten entspricht. Melodien, die im Nichts enden, scheinbar sinnlose Abschlüsse finden und sich an anderer Stelle verlaufen, um neue Teile zu öffnen, die dann aber auch keinen Sinn zu machen scheinen, als nur für den Moment gut zu klingen. Die Kompositionen spielen mit Klischees und Formaten, karikieren und verfallen nie in den Trott gemeiner Formalien. Bis dato nur am Piano dokumentiert, wartet nun der italienische Akkordeonist TEODORO ANZELLOTTI, hochdekoriert durch seine Arbeiten mit den wichtigsten zeitgenössischen Ensembles (z. B. ENSEMBLE MODERN / Frankfurt, SCHÖNBERG ENSEMBLE / Amsterdam), mit der wohl ersten Interpretation des Klavierwerkes ERIK SATIEs mit Akkordeon auf. Orientiert an Originalnoten (bis hin zu Spielanweisungen des Komponisten), fördert ANZELLOTTI neue Stimmungen zutage, läßt das Plätschern des Klaviers vergessen und den schwebenden Charakter vieler Stücke, so z. B. der \"Gnossienne No. 1\", in den Vordergrund rücken. Eine vorher nicht gehörte Wärme wohnt in der \"Petite Ouverture À Danser\". Die nostalgische Färbung des Akkordeontones schlechthin rückt diese wunderschöne \"Winter & Winter\"-Produktion ganz nah an den Hörer und rangiert schnell im Programm des Münchner Labels neben ERNST REJSEGERs \"Colla Parte\" und URI CAINEs \"Wagner E Venezia\", was das Ambiente angeht. In bezug auf die Zusammenstellung hätte ich mir lediglich gewünscht, durch das Weglassen der ersten \"Gymnopédie\" ein Statement zu setzen. Sei's drum, ich war trotzdem begeistert.



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