BEWERTEN
 

TORTOISE, ISOTOPE 217

»Die Kunst des Schritt Haltens«

[09.04. - Bielefeld, JZ Kamp]

Text: Markus Weckesser

Mit ISOTOPE 217 stellte sich ein weiteres Projekt aus dem näheren TORTOISE-Umfeld vor. Doch statt repetitiver und harmonisch-verschachtelter Songstrukturen wurden nervenaufreibende Klang-Kaskaden induziert. So tobten sich die Chicagoer auf einem Experimentierfeld zwischen NoWave-Jazz und Neuer Musik aus. Schwerverdauliche Kost. Wesentlich zugänglicher waren hingegen TORTOISE. Eigens für die "TNT"-Tour hat Paul Romans eine Video-Collage geschaffen, die auf kongeniale Weise das Prinzip der Musik widerspiegelt. Ähnlich den frühen Kurzfilmen von PETER GREENAWAY, wird ein rhythmisch geordnetes Strukturgeflecht entworfen: Straßen und Schienen, Häuser- und Fensterfronten, Zahlen und Buchstaben, Gitter und Raster werden gegen- und übereinandergeblendet.

Konkrete Orte sollen nicht benannt werden, nur einmal, ganz kurz, sind zwei Wörter zu entziffern: Schritt halten. Diese zusätzliche visuelle Komponente bei TORTOISE-Konzerten intensiviert das Klangerlebnis wie bei keiner anderen Band jenseits der herkömmlichen Rock-Besetzung; PORTISHEAD, insbesondere der Film, inklusive Orchester also, einmal ausgenommen. Das Besondere neben der Video-Performance: Man sieht quasi, wie jeder einzelne Sound generiert wird. Im Grunde klingt TORTOISE-Musik, als könnte sie auch von nur einem einzigen Musiker im Studio eingespielt worden sein. So aber zeigt sich, was Schlagzeug und was Drum-Kit ist, wann Handclapping, Kinder-Harmonika und Voice-Box eingesetzt werden. Ein plötzliches Electro-Pluckern stammte beispielsweise nicht etwa vom Computer, sondern vom Baß. Selbst die kurzen Bläsereinsätze wurden, dank ISOTOPE 217, live gespielt. Gleich drei Musiker klöppelten zeitweise auf den zwei Vibraphonen. Kaum hatten sie ihren Part beendet, eilten sie schon wieder zu anderen Instrumenten. Gerade dieser ständige Wechsel verlieh dem Ganzen den Charakter einer Jam-Session. Tonmeister Casey Rice erlaubte sich, den Sound auf die speziellen Raum-, Zeit- und Stimmungsverhältnisse abzustimmen, und zeichnete für die eleganten Song-Übergänge verantwortlich. Seine Art, rückwärtslaufende Tonbänder einzusetzen, hatte nichts von dem angestaubten "Sgt. Pepper"-Effekt - es war, als wollte Rice gleichsam die Zeit anhalten, die zur Vorbereitung des nächsten Stücks notwendig ist. Genau das zeichnet TORTOISE aus: Die Kunst des Schritt Haltens.



Artikel kommentieren
aus Intro #54 (Mai 1998)
 
  • Mehr Infos

  •  
  • Diese User besitzen die Platte

  •  
 
 

Social Network Login




Logge dich schnell und einfach mit deinen Social-Network-Zugangsdaten bei uns ein.
 
 
  • WEITERE PLATTEN

  •  
 
 
Anzeige
 

Platten in einem Satz

Platten in einem Satz

Neu bei Intro: Plattenkritiken in SMS-Länge! Die besten "Oneliner" gibt's hier.