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»SUICIDE & PANASONIC«
[06.03. - London, Garage]
Text: Autor unbekannt
NICK CAVE hat nach dem Erlebnis eines SUICIDE-Gigs einmal gesagt, daß sie ihm das Gefühl gegeben hätten, in einem kleinen Loch in London zu leben sei sexy. Jarvis Cocker, seit 1988, als er von PULP-Kollege Mark Weber missioniert wurde, ebenfalls bekennender Verehrer der New Yorker Elektronik-Punker und heute für viele britische Indie-Kids der lebendige Beweis für den Satz \"Living in a flat in London is sexy\" (selbst wenn man viel zu groß dafür ist), hat sich eine nicht zu unterschätzende Portion seines Stage-Sexappeals von ALAN VEGA abgeschaut: \"Ich liebte seine Bewegungen auf der Bühne. Sie waren ziemlich camp, sie waren Las Vegas, ohne dabei albern zu wirken.\"
VEGA ist auch heute noch der Blueprint des amerikanischen Rock'n'Roll-Performers, jede seiner Bewegungen unterstreicht seine ins Mikro gekreischten \"Uhs\", \"Ohs\" und \"Ahs\", seine geflüsterten \"Yeahs\" und \"Babies\", der Hall auf seiner Stimme wird theatralisch mit Zigarettenqualm gefüllt, die infernalischen Formeln amerikanischer Großstadtmythen werden durch seine Elvis-meets-Marlon-Gesten fast greifbar.
MARTIN REV hämmert hinter ihm mit der Rechten auf sein Keyboard ein und läßt derweil die Linke überzogen kraftvoll aus der Hüfte heraus gegen den Beat anschwingen. JAMES LAST als sonnenbebrillter Lederbundfaltenhosen-Hells-Angel. Während VEGA am Bühnenrand zwischen Springflutalarm und stotterndem Pornosynchronsprecher from Outerspace hin und her fiebert, schichtet er im Hintergrund gebrochene Achtziger-Jahre-Legostein-Beats zu infernalischen Kakophonien. Dagegen war das ohrenbetäubende Analoggeknatter der beiden finnischen Vintagesynthie-Extremisten von PANASONIC Balsam für die Großhirnrinde. Wo PANASONIC Lärm waren, vernimmt man bei SUICIDE in den besten Momenten nur noch weißes Rauschen. REV und VEGA brauchen keine Riots vor der Bühne, die Gewalttätigkeit ihrer Musik ist auch ohne fliegende Stühle und rotierende Fahrradketten von ohrenbetäubender Präsenz. Songs wie \"Rocket USA\" kommen auch heute noch als seelisches Pendant zur Darmspülung: Das geht rein, dreht mal eben komplett alles auf links und tropft die nächsten drei Tage langsam aus Dir heraus. Tröpfchen ... uhh ... für Tröpfchen ... ah, baby. Und neue Tracks gibt's auch. Da versteht dann wirklich keiner der Anwesenden mehr auch nur ein Wort von dem, was VEGA über REVs elektronisch generierten Irrsinn schluchzt, schnaubt und schreit. Trotzdem scheint jeder ganz genau zu wissen, was der Mann erzählt. Schließlich ist es seit \"Frankie Teardrop\" immer dieselbe Geschichte gewesen: die von Glaube, Liebe und dicken Splittern geronnener Beklemmung. Zum Abschluß schleudert uns das Duo noch ein Starkstrombilly-Medley aus \"Jukebox Baby\" und \"Ghostrider\" um die Ohren. Das sitzt. Krieg der Effektgeräte nennt man so was wohl. Nach zwei Zugaben verschwindet alles im eigenen Echo.
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