BEWERTEN
 

TORTOISE

»TNT«

[City Slang / EFA / VÖ: 05.07.2004 ]

Text: Autor unbekannt

Ich habe den Boom nicht gemocht. Die übertriebene Intellektualisierung eines musikalischen Vorgangs nebst Verklärung eines plötzlich kongenialen Knöpfchendrehers in der Person John McEntires. Als es dann um \"Millions Now Living Will Never Die\" etwas ruhiger geworden war, rückte die imaginäre Kraft der TORTOISEschen Konstrukte endlich bis auf die Entfernung heran, die mir den aufrichtigen Respekt ermöglichten. Etwas abstrakt klingt \"Millions ...\" allerdings bis heute in meinen Ohren. Heimlich, still und leise schlich sich nun \"TNT\" auf meinen Tisch, ein monströses Nachfolgewerk, voll mit stilistischen Chimären und Gratwanderungen.

Neu aufgenommene Fäden führen das \"Ensemble\", weniger nach Band, denn nach Big Band klingend, in die Untiefen des Jazz-Rock der 70er Jahre, souverän tonale Filme drehend. Die melodiöse Betonung als neuer, dem Hörer entgegenkommender Aspekt macht \"TNT\" zu einer begreifbaren Platte, schmeicheln sich doch Hooks des Titelstücks oder \"I Set My Face To The Hillside\" schnell ein und verankern einzelne Stücke umgehend im Gedächtnis. Das Soundgewand wurde mit geschmacklicher Sicherheit in der Pionierzeit der Rhythmusmaschine und eines nicht aufhaltbaren Analogsynthesizer-Siegeszuges erstanden, was die gesamte Platte nicht per se elektronisch macht, denn in der gleichen Periode kam der modale Jazz für französische Kunstfilme in Mode, lebten GONG noch von ihren Besucherzahlen und schwörten alle Tontechniker dieser Welt auf Röhrenmischpulte. So bollert John McEntires Schlagzeug recht ungewohnt offen, aber wärmer als sonst vor sich hin und erfüllen die Metallschlaginstrumente den Raum ohne jegliche Aufdringlichkeit. Heimliches Abheben in \"In Sarah, Mencken ...\" durch den Einsatz von Mellotronflöten und -streichern beschwört in meinem Fall Atmosphären einer Vergangenheit herauf, in der ich braune Cordlatzhosen tragen mußte, durch alljährliche Dänemark-Urlaube ein Küstentrauma entwickelte und bei meinem Onkel musikalisch mit LA DÜSSELDORF, TANGERINE DREAM, KING CRIMSON, CAN und nicht zuletzt GENESIS' \"Nursery Cryme\" torpediert wurde.
Als wollten TORTOISE an dieser Stelle das Kunststück vollbringen, ihre Definition von ambientesker Musik sowie Drum'n'Bass (ein plötzlicher Gegenwartsverweis in \"Almost Always Is Never Enough\") auf den Stand von 1974 zu bringen, indem sie moderne Sequenzen mit vorsintflutlicher Technik als auch derartigem Klang kombinieren. Und \"TNT\" ist noch mehr: Alle Schranken ignorierend, treten in \"Ten-Day Interval\" Vibraphon-Patterns im Stile von STEVE REICHs \"Nagoya Marimbas\" oder \"Music For Mallet Instruments, Voices And Organ\" in den Vordergrund, erlebt TORTOISE den Selbstloop mit dem Ergebnis einer Minimalen Komposition (wiederaufgenommen in \"Four-Day Interval\").
Als wollten sie den Vorgänger nochmals in Erinnerung rufen, steht \"Everglade\" mit zwei wunderschön dominanten Basslinien im Stile von \"The Taut And Tame\" am Ende. Hat der Hörer das modifizierte Klangbild als auch die plötzliche Melodieverliebtheit der Gruppe erst an sich herangelassen, erlebt er den wohl größten Fortschritt, den eine Band machen kann.



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