Eines langen Tages Reise in die Nacht
»PORTISHEAD«
[11.02. - Düsseldorf, Philippshalle / VÖ: 14.02.2008 ]
Text:
Markus Weckesser
Als das Konzert in die Philippshalle verlegt wurde, wird vermutlich so manchen Besucher das Grausen gepackt haben. Denn wer möchte schon \"seine\" Musik mit einem Heer wildfremder Leute teilen? Jede andere Band, aber bitte nicht PORTISHEAD! Schon allein der Gedanke an Massenveranstaltungen, an mögliche Grölereien, an Rempeleien und aufflammende Feuerzeuge reicht in diesem Fall aus, die Lust auf einen verheißungsvollen Abend zu vergällen. Doch Solo-Shows gibt es nun einmal nicht, und was wiegt letztlich stärker, wenn nicht die eigene Rezeptionserfahrung? Also konzentrieren und hinein. Hinein nach PORTISHEAD.
Wohl keine andere Band stimmt gegenwärtig seine Hörer besser auf ein Konzert ein.
Dies vorweg: All die schlimmen Befürchtungen entpuppten sich als unbegründet. Keine Peinlichkeiten, keine Störungen, vielmehr ein wunderbar harmonisches Konzert. So wie jede einzele Song-Sequenz präzise ausgetüfelt wurde, war auch jedes Show-Element bis ins Detail genau durchdacht. Insbesondere die Verknüpfung von Sound und Licht machte die Perfektion offensichtlich: Ein Laser-Oszillogramm spiegelte live Geoff Barrows Baßfrequenzen wider, hypnotisierende Spiraleffekte verwiesen auf cineastische Referenzen, und ein Sternenhimmel kündete von Herzensdingen. Trotzdem geriet die Show nicht einen Moment kitschig oder gar larmoyant. Auch nicht, als Lavalampen-Spots wie Tränen von der Decke tröpfelten.
Daß sich das PORTISHEADsche Gesamtkonzept einer negativen Dialektik bedient, mag zwar verwundern, ist aber nur konsequent. Jene Besucher, die in den 80ern entweder schmachtend an MORRISSEYs Lippen hingen oder draußen als feindlich erkannten, dürften heute zum TripHop-Klientel um die 30 gehören. Als Teen darf man Narziß, Dandy, Revoluzzer und angry young man spielen. Die Welt ist ein Loch, und kein Schwein versteht einen. Doch irgendwann ändert sich meist die Perspektive, und soziokulturelle Werte bekommen eine andere Bedeutung. Ein \"Morning Glory\" nimmt man dann gerne im Vorbeigehen mit, während man PORTISHEADs \"Glory Box\" wie einen kostbaren Schatz hütet.
Was also geht auf einem Konzert dieser Band ab? Depressionen pflegen, in edlem Leiden zerfließen oder die befreiende Katharsis ersehen? Mitnichten! Im Grunde wird hier Pop im besten Sinne verhandelt. Ein schönes Beispiel läßt sich am Verhalten von Beth Gibbons skizzieren. Anfangs verbarg die Sängerin ihr Gesicht hinter dem Mikro und wandte in den Vokalpausen ihren Rücken zum Saal. Aber auf ein definitely maybe wollte sich das Publikum partout nicht einlassen. So gab es später shake hands, Miss Gibbons scherzte und schenkte dem erstaunten Publikum ein Lächeln, mit dem es nie und nimmer gerechnet hätte: This was a beginning of a forever and ever.
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